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Gekommen, um zu bleiben: Snøhetta und die neuen Swarovski Kristallwelten

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Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Ein bärtiger Mann öffnet die Tür des Architekturbüros Snøhetta Innsbruck, er könnte Norweger sein. Als er uns grüßt, wird klar, dass er Tiroler ist. Patrick Lüth hat fünf Jahre in Oslo gewohnt und dort im Hauptsitz von Snøhetta gearbeitet. Dann kam ein Auftrag aus Tirol, genauer gesagt von den Swarovski Kristallwelten in Wattens. Gemeinsam mit dem französischen Team von CAO PERROT und der Innsbrucker Arbeitsgemeinschaft  s_o_s_architekten sollte Snøhetta die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Tirols bis Mai 2015 neu gestalten: Die Kristallwelten in Wattens. Snøhetta hat unter anderem die Oper in Oslo entworfen und gestaltete am Ground Zero in New York den Museumspavillon des 2014 eröffneten National September 11 Memorial and Museum. Auch das aktuelle Erscheinungsbild der Nationalparks in Norwegen stammt aus der Feder des Snøhetta-Teams.

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Patrick Lüth hat 5 Jahre in Oslo gearbeitet und danach in Innsbruck ein Architekten-Team für Snøhetta aufgebaut. (Foto: Ines Mayerl)

Von der Idee zum Spielturm

Patrick Lüth war als gebürtiger Tiroler der Richtige, um in Innsbruck ein Snøhetta-Team für die Neugestaltung der Kristallwelten aufzubauen. „Swarovski wollte das Erlebnis für Familien verbessern und hat uns gefragt, was wir da machen könnten“, sagt Lüth, „aus diesem Prozess heraus sind wir auf die Idee des vertikalen Spielens gekommen.“ Nun wird diese Idee in Form eines Spielturms Wirklichkeit. Lüth erklärt Snøhettas Herangehensweise an dieses Projekt: „Ich habe selbst drei Kinder und weiß, dass der Besuch der Kristallwelten für Kinder ein einigermaßen anstrengendes Erlebnis ist, weil sie dort viel schauen müssen. Deshalb wollten wir in unserer Architektur das Gegenteil machen und haben den Spielturm physisch und körperbetont gestaltet. Es gibt dort keine interaktiven Geschichten, keine Monitore, es gibt nur den Raum und die Kinder selbst.“

Verzichtet bewusst auf Bildschirme und Interaktive Elemente: Das Innere des neuen Spielturms in den Swarovski Kristallwelten. Das Foto wurde während der Bauarbeiten gemacht. (Foto: David Schreyer)

Keine Bildschirme, keine interaktiven Elemente, aber ein 14 Meter hohes Kletternetz und eine Rutsche: Das Innere des neuen Spielturms in den Swarovski Kristallwelten. Das Foto wurde während den Bauarbeiten gemacht. (Foto: David Schreyer)

Ein Restaurant aus dem 3D-Drucker

Wir folgen Patrick Lüth in die Werkstatt im Erdgeschoss des Innsbrucker Snøhetta-Büros. Ganz hinten stehen 3D-Drucker, mittig ruht eine wuchtige Werkbank. „Uns ist es wichtig, nicht nur virtuelle Modelle am Computer zu entwerfen, sondern auch analoge Modelle herzustellen“, erklärt Lüth den Grund für diese Werkstatt. Er zeigt uns ein ausgedrucktes 3D-Modell für das neue Restaurantgebäude der Kristallwelten: „Ganz wichtig war uns hier das Einwirken der umgebenden Landschaft. Deshalb geben wir durch die Gestaltung und die Geometrie ganz spezifische Blicke frei. Zum Beispiel nach Norden Richtung Bettelwurf und nach Süden und Westen hinaus in die Parklandschaft der Kristallwelten.“

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Dreidimensional ausgedruckte Modelle des neuen Restaurants der Kristallwelten in Wattens. (Foto: Ines Mayerl)

Vom Modell zum echten Restaurant: " (Foto: David Schreyer)

Dieses Baustellenfoto zeigt das lebensgroße Gegenstück zum 3D-Modell des neuen Restaurants. (Foto: David Schreyer)

„Von Tirol aus bedienen wir den gesamten deutschsprachigen Raum“

Snøhetta geht eigene Wege, auch was die Wahl seiner Standorte angeht. Warum also Innsbruck? Patrick Lüth steigt mit uns die Treppe hoch in den ersten Stock und zeigt uns ein Büro mit Flachbildschirmen und knarrendem Holzboden. Sein junges Team plant von hier aus Architekturprojekte in ganz Österreich, der Schweiz und Deutschland.

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„Wenn ich ein Projekt in Frankfurt bearbeite, spielt es keine Rolle, ob ich das von Innsbruck, München, Berlin oder Wien aus tue“, sagt Patrick Lüth. (Foto: Ines Mayerl)

Das Kristallwelten-Projekt war der Auslöser für Snøhetta, nach Tirol zu kommen, inzwischen arbeiten Lüth und sein Team  an Projekten im gesamten deutschsprachigen Raum. Derzeit planen sie für die Firma Zumtobel neue Büros und Showrooms in Wien, Frankfurt und Dornbirn. „Wir arbeiten auch an einem Seilbahnprojekt, so viel darf ich verraten. Und wir sind interessiert an tourismuszentrierter Architektur, die nicht nur mit Hotelbauten zu tun hat.“ In Norwegen beispielsweise hat Snøhetta landschaftlich schöne Straßenrouten durch architektonische Interventionen aufgewertet, ähnlich wie es der Südtiroler Architekt Werner Tscholl in Tirol am Timmelsjoch getan hat.

Das Großraumbüro von Snøhetta Innsbruck wirkt provisorisch eingerichtet, die Wände sind mit Architekturplänen gepflastert. (Foto: Ines Mayerl)

Das Großraumbüro von Snøhetta Innsbruck wirkt provisorisch eingerichtet, die Wände sind mit Architekturplänen gepflastert. (Foto: Ines Mayerl)

„Von Tirol aus bedienen wir den gesamten deutschsprachigen Raum“, sagt Lüth, „denn wenn ich ein Projekt in Frankfurt bearbeite, spielt es keine Rolle, ob ich das von Innsbruck, München, Berlin oder Wien aus tue.“ Weitere Studios hat Snøhetta in New York und San Francisco eröffnet, auch in Singapur gibt es einen Snøhetta-Ableger. Und eben in Innsbruck. „Das hat etwas mit Nähe zum Markt zu tun, aber auch mit der Kultur und der Sprache“, sagt Patrick Lüth. Zudem sind Lohn- und sonstige Kosten in Tirol geringer als in Norwegen. Ein weiter Vorteil: Die Universität Innsbruck beherbergt eine Fakultät für Architektur, motivierte Jung-Architektinnen und Architekten sind hier also leicht zu finden. An der Uni Innsbruck hat auch Patrick Lüth studiert und gelehrt. Kjetil Thorsen, einer der Mitbegründer von Snøhetta, hat in Innsbruck mehrere Jahre als Architekturprofessor gelehrt.

„Diese Immobilie ist fünf Jahre leer gestanden“

Das Großraumbüro von Snøhetta Innsbruck wirkt provisorisch eingerichtet. Die Wände sind mit Architekturplänen gepflastert. Dazwischen stehen ein paar Regale mit Modellen aus dem 3D-Drucker. „Diese tolle Immobilie ist fünf Jahre leer gestanden, das muss man sich mal vorstellen“, sagt Patrick Lüth, „das Gebäude hat genau die Qualitäten, die wir suchen: Einen gewissen Atelier-Charakter, eine gewisse Grobheit, die auch ein großzügigeres Arbeiten zulässt. Man könnte das, was wir hier machen, auch als Zwischennutzung bezeichnen, weil wir nur einen kurzfristigen Mietvertrag haben.“ Pläne für danach gibt es bereits. Sobald der Mietvertrag ausläuft, ziehen Lüth und sein Team ins Nachbarhaus.

Patrick Lüth über die Werkstatt im Architekturbüro: „Uns ist es wichtig, nicht nur virtuelle Modelle am Computer zu entwerfen, sondern auch analoge Modelle herzustellen." (Foto: Ines Mayerl)

Patrick Lüth über die Werkstatt im Architekturbüro: „Uns ist es wichtig, nicht nur virtuelle Modelle am Computer zu entwerfen, sondern auch analoge Modelle herzustellen.“ (Foto: Ines Mayerl)

„Ut på tur“ und was Tirol mit Norwegen verbindet

Wir folgen Patrick Lüth in die Küche. Dort stehen ein hölzerner Esstisch, eine einfache IKEA-Küche und eine teure Kaffeemaschine. „Die hat wahrscheinlich mehr gekostet als die ganze Küche“, sagt Lüth. Wochentags bereitet eine Köchin hier das Mittagessen für ihn und sein Team zu. Um 12 Uhr sitzen alle an einem Tisch und essen gemeinsam. Diese Tradition hat Lüth aus Norwegen mitgebracht. Und auch sonst gibt es regen Austausch zwischen den Teams von Snøhetta in Oslo und Innsbruck. Alle vier bis sechs Wochen reist Lüth mit Kollegen nach Norwegen: „Wir machen das in Form von Workshops, für die wir zu dritt oder zu viert noch Oslo fahren und intensiv an einem Thema arbeiten. Es kommen auch immer wieder Kollegen aus Oslo zu uns und arbeiten hier für zwei Wochen. Die übernachten dann im Hotel Nala gleich um die Ecke. Vor Kurzem waren auch Kjetil Thorsen und seine Frau da, um die Baustelle in Wattens zu besichtigen. Sie waren begeistert.“

„Um 12 Uhr sitzen alle Mitarbeiter an einem Tisch und essen gemeinsam.“ (Foto: Ines Mayerl)

„Wo warst Du gestern? Das fragen wir Montags beim ersten Kaffee. Und damit meinen wir nicht, in welchem Museum, sondern auf welchem Berg.“ (Foto: Ines Mayerl)

Bei diesem Besuch haben Lüth und Thorsen auch darüber gesprochen, worin sich Norweger und Tiroler ähneln. „Da gibt’s verschiedene Parallelen“, sagt Lüth, „es ist zum Beispiel dieser starke Naturbezug, der auch bei den Norwegern sehr stark verankert ist. Die haben den Fjord vor der Haustür und die Berge im Rücken. Am Wochenende gehen viele Norweger ‚ut på tur‘, also hinaus in die Natur. Und bei uns ist es ja auch so, dass wir am Montag, wenn wir ins Büro kommen, beim ersten Kaffee fragen: Wo warst Du gestern? Und da meinen wir nicht, in welchem Museum, sondern auf welchem Berg.“

Ein Berg als Namensgeber

Bevor wir uns von Patrick Lüth und seinem Team verabschieden, fällt uns noch eine Frage ein, die offen geblieben ist: Warum heißt das Architekturbüro eigentlich Snøhetta? Wir erfahren von ihm, dass Snøhetta ein Berg im norwegischen Dovrefjell-Gebirge ist.

Dieser Berg ist Namensgeber für  (Foto: Michael Gams)

Dieser norwegische Berg ist Namensgeber für das Architekturbüro Snøhetta. (Foto: Michael Gams)

Es handelt sich mit 2.286 Metern zwar nicht um den höchsten Berg von Norwegen, aber um ihn ranken sich viele Mythen. Zudem liegt er exakt am geometrischen Schwerpunkt von Norwegen. „Deshalb passt das ganz gut zu Architektur und Landschaft“, erzählt Patrick Lüth. Der Name komme aber auch von einer anderen Begebenheit, sagt er: „Das erste Büro der damaligen Studenten und Gründer dieses Architekturbüros lag im ersten Stock oberhalb einer Bar namens ‚Dovrehallen‘, benannt nach dem Dovrefjell-Gebirge, in welchem die Snøhetta liegt. Und weil ihr Büro genau über der Bar war, haben sie es einfach nach diesem Berg benannt.“

Weitere Infos zur Neugestaltung der Swarovski Kristallwelten findet ihr auf der Website von Snøhetta.

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