Tour de Suisse im Ötztal – Mit dem Rennrad auf den Gletscher

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Simon

Weltenbummler und Großstadtliebhaber, Berggenießer und stolzer... Zum Autor

Ich muss mich hier gleich zu Beginn outen: ich bin ja eigentlich Mountainbiker. Jetzt kein extremer, ich gehöre eher der Gattung an, die das Bergauf fahren mehr genießt, als das in meinem Fall oft schon zu gut gemeinte bergabbremsen. Aber die Verbundenheit zur Natur und die Einsamkeit der Forststraßen (zumindest auf so mancher) haben mich quasi von der Straße auf den Berg geholt. Ganz fremd ist mir ja das Straßenpendant des Rades nicht, aber mein erstes und wohl auch letztes Rennrad steht zu meiner großen Schande seit geraumer Zeit im Keller und fristet ein eher trostloses Dasein.

Dennoch, eine Frage hat sich mir gerade in den letzten Wochen öfters gestellt. Was macht gerade die Tiroler Berge auch für Rennradfahrer so attraktiv? Auch die Tour de Suisse scheint an Tirol Gefallen gefunden zu haben (und das nicht zum ersten Male wie meine rennradaffinen Freunde mich Asphaltverweigerer aufklären) und wagt zum ersten Mal den Abstecher ins Ötztal auf den Rettenbachferner, wobei Abstecher wohl nicht ganz die Tragweite der Herausforderung beschreibt, der sich die Radprofis hier stellen müssen.

Von Ötz bis zum Gletscher sind 2160 Höhenmeter zu bewältigen. (Foto: Ötztal Tourismus)

Von Ötz bis zum Gletscher sind 2160 Höhenmeter zu bewältigen. (Foto: Ötztal Tourismus)

Ich habe nun also beschlossen meine rosarote (Mountainbike)Brille abzunehmen, und speziell die heurige Tour de Suisse als Anlass zu nehmen und zu beleuchten, warum gerade die Etappe auf den Rettenbachferner eine so prädestinierte Strecke für Rennradfahrer zu sein scheint.

1. Die Kulisse

Das längste Alpental Tirols mit seinen drei Talstufen auf einer Länge von 67km ist Kulisse für die höchste Panoramastraße der Ostalpen und begrüßt die Wintersportenthusiasten am Talschluss mit dem größten Gletscherskigebiet der Ostalpen. Für Rennradfahrer ist somit für perfekte Straßenbedingungen gesorgt. Die Fahrt auf den Rettenbachferner selbst spart nicht mit Superlativen. Von Ötz bis zum Gletscher sind 2160 Höhenmeter zu bewältigen. Die durchschnittliche Steigung von Sölden bis zum Rettenbachferner beträgt 14% und die Profis benötigen dafür nur ca. 45min. Ein nicht näher genannter bekannter ehemaliger deutscher Rennradprofi soll nach einer Etappe der Deutschlandtour die Strecke auf den Rettenbachferner als „unmenschlich“ bezeichnet haben – und hat damit wohl bis zu einem gewissen Grade recht. Die wunderschöne Kulisse des Gletschers ist aber eine mehr als angemessene Entschädigung für die Qualen der Auffahrt. Und wo sonst rollt man mit dem Rennrad direkt an die Piste. Auch wenn die Saison schon vorbei ist, nirgendwo anders wird besser sichtbar, wie nahe sich  der Sommer und der Winter in Tirol eigentlich sind, wie sehr beides unseren Alltag bestimmt und prägt.

Mit dem Rennrad bis zum Gletscher (Foto: Ötztal Tourismus)

Mit dem Rennrad bis zum Gletscher (Foto: Ötztal Tourismus)

2. Die Stimmung

Man kennt die Bilder von der Tour de France. Die Rennradfahrer schlängeln sich die enge Bergstrecke hinauf, müssen sich den Weg durch die Zuschauermassen bahnen, die sie frenetisch anfeuern. Auch auf der Gletscherstraße in Sölden werden tausende Fans entlang der Strecke erwartet, Gänsehautfeeling für die Fahrer und die Zuschauer garantiert. Der Kampf Mensch gegen Berg wird zu einem epischen Moment, jeder Zuschauer kann sich in die Fahrer hineinfühlen, kann die Qualen förmlich spüren, die Nähe von Sportler, Zuschauer und Berg sorgen für ein unbeschreibliches Miteinander, machen die Natur, machen Tirol erleb- und spürbar.

3. Der Jedermann Charakter

Die Strecke auf den Rettenbachferner ist definitiv nicht nur etwas für die Elite. Jeder kann sich hier versuchen, passionierte Rennradfahrer, Junggebliebene, herausforderungssüchtige Millenials. Das Wissen, sportlich etwas Großes geschafft zu haben, ist definitv etwas, mit dem man ein wenig vor den Freunden beim nächsten Grillen prahlen darf. Wer es sich heuer schon zutraut, es besteht die Möglichkeit die Teiletappe von Ötz bis zum Rettenbachferner auf abgesperrter Strecke zu bewältigen, nach dem Kampf gegen den eigenen inneren Schweinehund kann man dann im Ziel angekommen genüsslich zusehen, wie sich die Profis den Berg hochquälen.

Die Strecke auf den Rettenbachferner ist nicht nur etwas für die Elite. (Foto: Ötztal Tourismus)

Die Strecke auf den Rettenbachferner ist nicht nur etwas für die Elite. (Foto: Ötztal Tourismus)

Das Ötztal und der Rettenbachferner ist also definitiv auch für das Rennrad ein tolles Ziel und obwohl ich, wie ja schon erwähnt habe lieber auf asphaltfreier Strecke unterwegs bin, muss ich hier vor den Rennradfahrern definitiv meinen Helm ziehen und werde es mir nicht nehmen lassen, sie live am 17. Juni im Ziel anzufeuern. Und vielleicht, aber nur vielleicht, erlebt mein Rennrad doch wieder ein Revival und bezwingt mit mir das Ötztal. Ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

1 Kommentar

  • Esther
    Die Auffahrt zum Rettenbachferner ist echt eine Plagerei. Selbst ausprobiert und viel geflucht ;o) Aber es ist die Mühen wert. Eine Auffahrt zum Anfeuern der Profis am 17.6. soll sich jeder Rennradbegeisterte vornehmen!