Vom Leben im Tal: das Paznaun

------
Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Im Paznaun (im Bild: Almanlage „Alpe Dias“ in Kappl), das mit dem erklärenden Zusatz „-tal“ zu vervollständigen eigentlich niemand für nötig hält, lässt sich geradezu prototypisch beobachten, wie Tirol über Jahrhunderte funktioniert hat — und wie es heute funktioniert: Von der Topografie zu extremer wirtschaftlicher Genügsamkeit gezwungen, erhob man auch soziale Selbstgenügsamkeit zur Tugend. Schon ins nächste Dorf zu heiraten, wurde als überflüssige, wenn nicht gar skandalöse Eskapade abgeurteilt. Und wer von außen kam, um sich in einem Dorf niederzulassen, der musste damit rechnen, dass noch seine Kinder und Kindeskinder den Makel „zuagroast“ („zugereist“) mit sich herumtrugen.

Diese Form des Misstrauens gegenüber der Welt da draußen prägte lange das Leben in vielen Tiroler Tälern — je enger und abgelegener, desto länger —, und Spuren davon lassen sich heute noch mühelos finden. Doch der Hunger der Welt auf die überwältigende, mitunter auch bedrohliche Schönheit wilder Natur, auf adrenalingetränkte Abenteuer und exklusive Fluchtmöglichkeiten aus dem eigenen Alltag hat alles verwandelt: das Tal, die Menschen, die Ansprüche an das Leben, den eigenen Blick auf die Welt.

Nicht geändert hat sich freilich, dass einer aus dem Untertal einen aus dem Obertal an feinen Unterschieden im Dialekt erkennt (und stolz auf die für Nicht-Paznauner ununterscheidbaren Nuancen ist). Während zum Beispiel die Großmutter im vorderen Paznaun liebevoll „Nala“ oder „Nali“ heißt, ruft man im hinteren Teil des Tales nach der „Nona“, was nicht der einzige noch erhaltene Hinweis darauf ist, dass das obere Paznaun ursprünglich von Rätoromanen aus dem Engadin besiedelt worden war.

Top of the Mountain Concerts (C)TVB Paznaun-Ischgl

In Ischgl wird winters wie sommers beste Unterhaltung geboten, Top-Stars der Musikszene wie Robbie Williams, Elton John oder Rihanna performen mitten im Skigebiet ihre neuesten Hits.

Schärfer und unübersehbar sind die Gegensätze, die der moderne Tourismus mit sich gebracht hat und die Gäste des Tales ganz bewusst suchen. Vorne Ischgl mit seiner hochfrequenten Rund-um-die-Uhr-Unterhaltung und unzähligen Hotels, die das Dorfbild prägen, und ganz hinten Galtür mit seinem leiseren, bedachteren Auftritt.

Ort: Galtür

Galtür (im Bild: Kapelle im Galtürer Ortsteil Tschafein) ist die stillere, zurückhaltendere Schwester von Ischgl, braucht sich aber nicht zu verstecken. Hier im hinteren Paznaun waren schon große Denker wie Albert Einstein und Ernest Hemingway zu Gast.

 

In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich diesen Sommer verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen.

Keine Kommentare