Auch beim Filmdreh von „Action Jackson“ in Hall am Set dabei: Die Kokosnuss. (Foto: Cine Tirol Film Commission)

Where is the coconut? Ein indischer Filmdreh in Tirol

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Johannes

Johannes Köck war schon viel unterwegs: Von Nordamerika bis... Zum Autor

Es ist still im Bus…

…der das Maharishi Cinema Filmteam vom Flughafen in München nach Innsbruck bringt – 32 südindische Filmschaffende schlafen: der Produzent, der Superstar, die „beautiful heroine“, der Kameramann und seine zwei Kamerassistenten, der Choreograph und seine vortanzende Assistentin, der Koch und sein mitkochender Hilfskoch, auch der „Auslandsdreharbeitenkoordinator“ und sein „auslandsdreharbeitenkoordinierender“ Assistent, die Familie und der Freund des Produzenten sowie all die anderen Menschen, die Teil dieses Filmteams geworden sind, sind erschöpft von der langen und beschwerlichen Anreise aus Hyderabad. Nur der Regisseur Surrender Reddy Patthi blickt durch die immer schwereren Augenlider auf die steilen Berge, auf die sanften Wiesen, auf die satten Wälder und auf den blauen See in Tirol.

„A LAKE! A LAKE! STOP THE BUS!“…

…GET OUT AND START SHOOTING!“ schreit er unvermittelt los. Der Busfahrer notbremst den Bus, die aufgeschreckten Filmschaffenden und all die anderen Menschen, die Teil dieses Filmteams geworden sind, entsteigen augenreibend und finden sich inmitten einer Blumenwiese mit Blick auf den Achensee und die Karwendeltäler – ein ungläubiges Staunen über solch irdische Schönheit in alpiner Landschaftsform setzt ein, wird aber jäh durch neuerliches Rufen des Regisseurs Surrender Reddy Patthi unterbrochen: „GET READY FOR SHOOTING IN FIVE MINUTES!“ Das ungläubige Staunen weicht einer hektischen Betriebsamkeit – Kisten, Koffer und Taschen werden aus dem Busbauch gezerrt – eine Kamera, eine Tonbandmaschine namens Nagara und diverse Kostüme werden ausgepackt – und nach nur fünf Minuten erschallt die Stimme des Regisseurs: „ACTION!“

Auch beim Filmdreh von "Action Jackson" in Hall am Set dabei: Die Kokosnuss. (Foto: Cine Tirol Film Commission)

Auch beim Dreh der indischen Filmproduktion „Action Jackson“ in Hall i. Tirol immer am Set dabei: Die Kokosnuss. (Foto: Cine Tirol Film Commission)

Indische Filme…

…titeln Snehana Preethina, Chukkolo Chandrudu, Ishq Hai Tumse, Tera Mera Saath Rahen, Kyaa Dil Ne Kahaa, Chal Mere Bhai, Ela Cheppanu, Preethiyeke Bhoomimelide, und bedeuten in dieser Reihenfolge: Freundschaft oder Liebe, Mond unter den Sternen, Nur Liebe für dich, Wir bleiben zusammen, Was dein Herz dir sagt, Komm mit mein Bruder, Wie soll man es sagen, Warum Liebe auf der Erde ist. Dieser Film heißt Tumko Dekha To Yeh Khayal Aaya – was soviel bedeutet wie Als ich dich zum ersten Mal sah, wusste ich, dass du der Schatten in meinem Leben bist.

Der Regisseur Surrender Reddy Patthi…

…hat einen Wunsch – ein Bergsee, kleiner als der Achensee. Nach längerer Suche kann diesem Wunsch im Gebiet des Fernpasses entsprochen werden, der Drehort wird vom Regisseur Surrender Reddy Patthi mit den Worten „It’s like paradise!!“ abgenommen und die Rückfahrt nach Innsbruck angetreten. Im Zuge des gemeinsamen indischen Abendessens äußert der Regisseur Surrender Reddy Patthi einen zusätzlichen Wunsch – 20 Tiroler Trachtenpärchen sollten am folgenden, frühen Morgen am Ufer dieses Bergsees stehen! Der Erfüllung dieses zusätzlichen Wunsches wird entsprochen, auch wenn es sich auf Grund der Kurzfristigkeit und des Werktages als echte Herausforderung darstellt.

Tatsächlich gelingt es aber kurz vor Mitternacht, die Mitglieder eines Trachtenvereins in einem dem Drehort nahen Dorf zur Teilnahme an den Dreharbeiten zu „überreden“. Mit diesem positiven Ergebnis der Bemühungen suchen die Filmschaffenden und all die anderen Menschen, die Teil des Filmteams geworden sind, auch die 40 volkstanzenden Tirolerinnen und Tiroler, Schlaf – die meisten finden ihn. Wenige Stunden später am abgenommenen Drehort, an jenem paradiesischen, aber kleinen Bergsee finden sich gegen sieben Uhr morgens alle 20 Trachtenpärchen ein, zusammen mit den ausgezeichneten Wetterbedingungen herrschen somit optimale Voraussetzungen für den Dreh – weiße Federn wiegen sich im sanften Wind, bunte Tücher auch, nur leider findet sich vom indischen Filmteam keine Spur, kommt auch keine Nachricht!

Es wird halb acht, dreiviertelacht, erst gegen acht Uhr trifft der Regisseur Surrender Reddy Patthi ein – auf die Frage, ob er denn nun mit den Dreharbeiten beginnen möchte, antwortet er mit einer leisen Stimme: „No – we cannot shoot this scene!“ Auf die ungläubige Frage: „Why?“ antwortet der Regisseur Surrender Reddy Patthi mit einer noch leiseren Stimme: „I’m very sorry but we really cannot shoot this scene – I had a very bad dream and the dream said: do not shoot this scene!”

„HERE IS THE COCONUT!“ (Foto: Cine Tirol Film Commission)

„HERE IS THE COCONUT!“ (Foto: Cine Tirol Film Commission)

Der letzte Drehtag…

…ist angebrochen – auf dem Weg nach München, zum Flughafen ist noch eine Szene auf dem Stubaier Gletscher „ungeplant“. Der Bus wird mit Kisten, Koffer und Taschen, auch mit einer Kamera, einer Tonbandmaschine namens Nagara und diversen Kostümen beladen. Die Auffahrt mit den Gondeln führt noch einmal zum ungläubigen Staunen über solch „paradiesische Schönheit“ einer Bergwelt, noch dazu mit immer mehr Schnee. Oben angekommen setzen die südindischen Filmschaffenden und all die Menschen, die Teil dieses Filmteams geworden sind, augenblinzelnd und kurzatmig ihre leichtbeschuhten Füße erstmals auf „SNOW!“

Der zweite Kameraassistent Chandrasekar Rao Dandila legt dem Kameramann Krishna Murty Chendil Kumar Kodanpani eine Styroporplatte zwischen dessen nackte Füße und dem „SNOW!“ – dieser hat nämlich ein Gelübde abgelegt, ein ganzes Jahr lang keine Schuhe zu tragen – worauf seine Füße in diesem ganzen Jahr auch treten mögen! Der Zauber dieses Augenblicks wird jäh durch neuerliches Rufen des Regisseurs Surrender Reddy Patthi unterbrochen: „WHERE IS THE COCONUT?“

Zunächst macht sich bei den südindischen Filmschaffenden und all den Menschen, die Teil dieses Filmteams geworden sind, Ratlosigkeit, nach dem zweiten Ruf „WHERE IS THE COCONUT?“ Entsetzen breit: die Kokosnüsse wurden im Hotel vergessen! Und der Regisseur Surrender Reddy Patthi beginnt seinen Drehtag immer mit dem Zerschmettern einer Kokosnuss – um die indischen Götter gütig und gnädig zu stimmen! Der zweite Produktionsassistent Ramana Reddy Velmala wird mit der Gondel wieder ins Tal, ein Fahrer von Innsbruck ins Stubaital geschickt und nach zwei Stunden ruft der Regisseur Surrender Reddy Patthi: „HERE IS THE COCONUT!“ und kurz danach: „ACTION!“

Linktipp: Cine Tirol Film Commission

Mehr Geschichten zum Filmland Tirol findet ihr auf www.tirol.at/tirollywood.

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