In freier Natur. Geschichte eines Wildtierfotografen

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Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

„Mein größter Traum war es, mal einen Mäusebussard im Anflug auf einen Ast zu fotografieren“, sagt Fabio Hain, „eineinhalb Jahre lang habe ich auf dieses Bild hingearbeitet.“ Fabios Traum wurde wahr. Mit seinen Bildern macht uns der junge Hobbyfotograf auf die zerbrechliche Schönheit der Natur in Tirol aufmerksam. Ein außergewöhnliches Hobby für einen 24-jährigen. Schon vergangenes Jahr hatte ich Fabio für den BlogTirol interviewt. Daraus entstand die Idee, Fabios Leidenschaft für die Natur filmisch zu dokumentieren. An zwei Drehtagen im Winter und im Sommer hat Videofilmer Harry Putz für uns den jungen Wildtierfotografen begleitet und dieses einfühlsame Filmportrait gestaltet:

Wildtierfotos- und Filmaufnahmen: Fabio Hain, www.wildlife-tirol.at Film: Harry Putz, www.freiluftdoku.com Drehorte: Winter – Stubaital/Stubaier Alpen Sommer – Achensee/Karwendel

Einsatz für die Artenvielfalt

Fabio setzt sich mit seinen Fotos für die Erhaltung der Natur und der Artenvielfalt in seiner Heimat ein. Exemplarisch für diese Vielfalt stehen die so genannten „Big Five“ der Wildtiere in den Alpen: Steinbock, Steinadler, Bartgeier, Gämse und Murmeltier. Mit etwas Glück könnt ihr diese „Big Five“ in Tirol beobachten, zum Beispiel bei einer geführten „Nature Watch“ Naturwanderung oder bei Naturfotografie-Workshops.

1. Der Alpensteinbock. Rückkehr eines Vertriebenenen.

Nahezu alle Körperteile der Steinböcke galten im Mittelalter als Wunderheilmittel. Sogar eigene Steinbock-Apotheken soll es gegeben haben. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Mensch die Steinböcke deshalb fast im gesamten Alpenraum bereits ausgerottet – mit Ausnahme des Aosta-Tals im Piemont. In Tirol gelang die Wiederansiedelung der ersten Steinböcke in den 50er Jahren, heute leben wieder mehr als 5.000 dieser Tiere in Tirols Bergen.

(Foto: Patrick Centurioni, Tirol Werbung)

Im Sommer steigen die Steinböcke in bis zu 3.500 Meter Höhe auf. (Foto: Patrick Centurioni)

2. Der Steinadler, ein Jäger mit scharfen Augen.

Bis zu 2,3 Meter Spannweite und Augen, die 150 Bilder pro Sekunde erfassen: Ein Steinadler kann ein Murmeltier sogar auf die Distanz von drei Kilometern erkennen. Im Karwendelmassiv wurde sein Vorkommen schon im 16. Jahrhundert erstmals dokumentiert. Mit 21 Brutpaaren (14 davon auf der Tiroler Seite, Stand 2009) verfügt das Karwendel über eine der höchsten Adlerdichten im Alpenraum. Wie der Steinbock war auch der Steinadler in den Alpen durch Bejagung fast ausgestorben. 1925 erhielt er Tirol ganzjährige Schonzeit, 2012 musste ein Jäger im Ötztal 980 Euro Strafe für den Abschuss eines Steinadlers zahlen.

Steinadler über Dorf Tirol Posted by MSPhotoArts.de – Manfred Schmierl on Dienstag, 2. Dezember 2014

3. Der Bartgeier, ein wiederauferstandener Greifvogel.

Der seltenste Greifvogel Europas spannt seine Flügel bis zu 2,9 Meter weit auf. Ende des 19. Jahrhunders hat ihn der Mensch in den Alpen ausgerottet. Dem Bartgeier wurde damals nachgesagt, dass er Lämmer erlegt, was sich später als Märchen herausstellte. In Wirklichkeit ernährt er sich zu 80 Prozent von Knochen toter Tiere, ansonsten von Aas. In den 70er Jahren wurden im Alpenzoo Innsbruck Jungtiere in Gefangenschaft groß gezogen, 1986 startete ein internationales Projekt zur Auswilderung. Erst Ende Mai 2015 entließ ein Team vom Nationalpark Hohe Tauern in Osttirol zwei männliche Bartgeier in die freie Wildbahn (siehe Fotos unten). Mittlerweile leben in den Alpen insgesamt rund 200 Bartgeier, im Nationalpark Hohe Tauern gibt es derzeit drei bis vier Brutpaare.

Bartgeier in Freiheit! <3 Danke an Gregor A. für die tollen Bilder!Fotos © NPHT/Asslaber Posted by Nationalpark Hohe Tauern on Saturday, June 6, 2015

 

4. Die Alpengämse, ein hochgebirgstaugliches Rudeltier.

Die Gämse ist weniger selten als die bisher genannten Wildtiere und perfekt an die harten Lebensbedingungen im Hochgebirge angepasst. Entsprechend wetterfest und kraftvoll kraxeln Gämsen über steile Felshänge und Bergkämme. Wenn ihr ein Rudel Gämsen seht, handelt es sich meist um Weibchen und Jungtiere. Ältere Gamsböcke sind Einzelgänger und suchen erst zur Brunftzeit zwischen Oktober und Dezember die Rudel auf. Bei Jägern begehrt sind die Rückenhaare der Gämsen, aus denen sie den „Gamsbart“ für ihre Hüte fertigen. Natürliche Feinde der Gämsen sind Parasiten wie zum Beispiel Milben. Immer wieder sterben Gämsen im Winter bei Lawinenabgängen.

Wenn ihr ein Rudel Gämsen seht, handelt es sich meist um Weibchen und Jungtiere. Erwachsene Gamsböcke sind Einzelgänger. (Foto: Reinhard Hölzl)

Wenn ihr ein Rudel Gämsen seht, handelt es sich meist um Weibchen und Jungtiere. Erwachsene Gamsböcke sind Einzelgänger. (Foto: Reinhard Hölzl)

5. Das Alpenmurmeltier, ein Energiesparer und Baumeister.

Murmeltiere sind ein Relikt der letzten Eiszeit. Sie leben deshalb heute in den Alpen nur oberhalb der Baumgrenze und im Hochgebirge. Bis zum dritten Lebensjahr wohnen sie bei ihren Eltern. Murmeltiere warnen sich bei Gefahr gegenseitig mit schrillen Rufen, die für unsere Ohren wie Pfiffe klingen. Vor der Winterruhe fressen sie sich einen Fettspeicher an und bringen dann bis zu sieben Kilogramm auf die Waage. Sie polstern ihre Winterkammer mit Pflanzen aus und verstopfen den Eingang. Während der kalten Wintermonate schlafen sie und senken ihren Herzschlag von 200 auf 20 Schläge pro Minute. Auf diese Weise sinkt auch ihr Energieverbrauch um 90 Prozent. Während Alpenmurmeltiere in Deutschland bereits unter Schutz gestellt sind, werden sie in Österreich und der Schweiz noch immer bejagt. Dazu kommen natürliche Feinde wie Steinadler, Fuchs oder Luchs. Die Ötztaler Alpen beherbergen den vermutlich größten (autochthonen) Murmeltierbestand der gesamten Ostalpen – die Chancen, ein Murmeltier zu sichten, stehen dort also besonders gut.

(Foto: Bernd Ritschel)

Murmeltiere legen unterirdische Gangsysteme von 10 bis zu 70 (!) Metern Länge an. Nestkammern, Fluchtröhren und auch „Toiletten“ sind Teil dieser Tunnelsysteme. (Foto: Bernd Ritschel)

Tirols Schutzgebiete, so groß wie der Yosemite-Nationalpark.

Am wahrscheinlichsten entdeckt ihr die „Big Five“ und weitere Alpenwildtiere in den verschiedenen Schutzgebieten Tirols. Schon 1927 wurde beispielsweis der große Ahornboden zum Naturdenkmal erklärt, nur ein Jahr später wurde der Großteil des Karwendelmassivs zum Naturschutzgebiet. 2009 gab es in Tirol 76 Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von rund 3.119 Quadratkilometern. Das entspricht einem guten Viertel der Tiroler Landesfläche und ziemlich genau der Gesamtfläche des weltweit bekannten Yosemite-Nationalparks (3.081 km²) in Kalifornien/USA. Ob Alpenpark Karwendel, Naturpark Ötztal, Naturpark Kaunergrat, Naturpark Tiroler Lech, Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen, Nationalpark Hohe Tauern oder die verschiedenen Sonderschutzgebiete, Landschaftsschutzgebiete, Naturdenkmäler und Ruhegebiete – Schutzgebiete haben alle ein Ziel: Sie bewahren die Artenvielfalt der Wildtiere und Pflanzen. Bei geführten Wanderungen oder Naturfotografie-Workshops (beispielsweise bei Nature Watch-Touren) erfahrt ihr, wie wichtig eine intakte Tier- und Pflanzenwelt für uns alle ist. Weitere Infos dazu findet ihr hier: www.tirol.at/natur Buchtipp: Rudolf Hofer (Hg.), Die Alpen – Einblicke in die Natur. 2009, Innsbruck University Press

1 Kommentar

  • christiane kranz
    Auch wir waren schon mehrmals in dieser herrlichen Bergwelt. Hier fühlt man sich mit der Natur so eng verbunden.