Vom Leben im Tal: das Lechtal

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Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Unsereins, erwachsen an Jahren und von aufgeklärter Geisteshaltung, glaubt ja nicht an Ungeheuer. Sollte im Lech allerdings doch der Bluatschink, dieses furchterregende Fabelwesen, hausen, ist eines unbestreitbar: Der Bursche muss richtig hart im Nehmen sein. Denn der Lech hat selbst an seinen allerbesten Tagen nicht mehr als 14 Grad Celsius.

Der Lech ist einer der größten Nebenflüsse der Donau und ein Grenzgänger. Er plätschert bei Steeg aus dem westlichsten österreichischen Bundesland Vorarlberg nach Tirol herein und stürzt sich als kleiner Wasserfall bei Füssen in bayerische Lande. Das Lechtal liegt im Bezirk Reutte, den Einheimische nur „das Außerfern“ nennen. Das klingt ein wenig abgelegen und ist es auch – außerhalb des Fernpasses und weit weg von der Landeshauptstadt Innsbruck, aber andererseits ist die Klassifizierung einer Gegend als Peripherie immer nur eine Frage des eigenen Standpunktes.

Ort: Holzgau

„Lüftlmalerei“ nennt sich diese außergewöhnliche Fassadenkunst aus dem 18. Jahrhundert. Besonders schön zu sehen ist sie in Holzgau im oberen Lechtal.

Die Außerferner sind ein eigener Menschenschlag, durchsetzungsfähig und selbstbewusst wie ihr Fluss, der einer der letzten Wildflüsse Europas ist. Wenn sie einkaufen oder sich kulturell zerstreuen wollen, orientieren sie sich eher nach Füssen als nach Innsbruck. Und sie sprechen anders als alle anderen Tiroler, was vor allem am offenen „a“ liegt. Und an einem selbst für hiesige Verhältnisse sehr stark ausgeprägten Hang dazu, ein „k“ oder die Silbe „ge-“ am Wortanfang tief hinten in der Kehle zu raspeln. Die meisten anderen Tiroler Dialekte verdunkeln das „a“ in etlichen Wörtern zu einem „å“, das fast wie ein „o“ klingt; im Außerfern vermischen sich schwäbische, bairische und (höchst) alemannische Einflüsse zu einer ganz eigenen Sprache.

Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir an, Sie haben mithilfe einer Axt einen Ast von einem Baumstamm entfernt, also abgehackt. In den meisten Tiroler Gegenden haben Sie den Ast je nach Region „oag’håckt“, „og’håckt“… Im Lechtal hingegen haben Sie den Ast „achackhackt“. Und jetzt ratet einmal, wieso andere Tiroler die Außerferner auch gern nur halb liebevoll „die Achackhackten“ nennen…

 

In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich diesen Sommer verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen.

Leben in Tirol

5 Kommentare

  • Wertnig Sigi
    Nein , im Lechtal heisst das nicht achackhackt , sondern nur in Reutte, ist nicht Lechtal , im Lechtal heisst es " oikhockt" , im Dialekt. m.f.G. Sigi Wertnig
    • Irene Heisz
      Irene Heisz
      Besten Dank für den Hinweis, Herr Wertnig.
  • Thomas Scharf
    Das stimmt Sigi! Zusätzlich zu den sprachlichen Unterschieden zu Reutte gibt es einen geographischen: Das Außerfern/der Bezirk Reutte setzt sich nicht nur wie im Artikel angegeben aus dem Lechtal und seinen Seitentälern zusammen, sondern auch aus dem Talkkessel Reutte, dem Tannheimertal und Zwischentoren. Etwas mehr Recherche wäre sehr wünschenswert!
    • Irene Heisz
      Irene Heisz
      Danke auch für Ihren Hinweis, Herr Scharf.
  • Johannes Frühauf
    Der Artikel gefällt mir, aber... Sicher nichts gegen den Lech (den ich ganz gut kenne und liebe), aber von einem echten Wildfluss kann (leider) schon lange nicht mehr die Rede sein - auch in den für den ungeschulten Blick unreguliert erscheinenden Abschnitten gibt es seit langem Verbauungsmaßnahmen (sog. Buhnen), die den Fluss in ein zentrales Bett zwängen sollen, damit er sich dort eintieft und irgendwann eine seitliche Uferverbauung erleichtert (das ist sogar auf dem Bild zu erkennen). Und "einer der letzten Wildflüsse Europas" ist eine maßlose Übertreibung; in Ländern, die weniger Geld für Regulierungen haben/hatten als Österreich, gibt es noch zahlreiche Wildflüsse, auch noch solche, wo Regulierungen usw. gänzlich ausblieben. Selbst im oft geschmähten Italien gibt es gar nicht wenige....