Das bin ich bei der Auffahrt ins Kühtai. (Copyright: Sportograf)

Mein Ötztaler – Erlebnisbericht Ötztaler Radmarathon

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Esther

Esther Wilhelm ist am liebsten mit dem Rennrad unterwegs. Dabei... Zum Autor

Ich liebe Radfahren, insbesondere mit dem Rennrad. Dieser Sport hat mich schon immer fasziniert. Die Geschwindigkeit, mit der man neue Landschaften entdeckt, der gleichmäßige rhythmische, fast meditative Tritt, die Strecken, die man aus eigener Kraft überwindet, das Gefühl mit dem Rad eins zu sein, seinen Körper und dessen Grenzen zu spüren.

Um am Ötztaler Radmarathon teilzunehmen, reichen Leidenschaft und Begeisterung aber nicht aus. Man muss wohl auch ein gewisses Maß an Verrücktheit und Sturheit mitbringen, um die 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter des Ötztalers zu bezwingen. Schon als Jugendliche war ich mit meinem Vater Ötztaler schauen und schon damals habe ich davon geträumt, einmal in meinem Leben an diesem Rennen teilzunehmen. Das Motto des Ötztalers „Ich habe einen Traum“ trifft witzigerweise auf mich zu. Und dass ich diesen Traum bereits vier Mal verwirklichen konnte, kann ich selbst kaum glauben. (Bei anderen Träumen sieht die Bilanz leider etwas schlechter aus ;o)

Einmal durch diesen Zieleinlauf zu fahren war mein Traum. Den habe ich mir inzwischen schon mehrmals verwirklicht. (Copyright: Sportograf)

Einmal durch diesen Zieleinlauf zu fahren war mein Traum. Den habe ich mir inzwischen schon mehrmals verwirklicht. (Copyright: Sportograf)

Von meinen vier Teilnahmen am Ötztaler Radmarathon berichte ich nicht von meiner ersten. Da bin ich den Ötztaler noch recht blauäugig angegangen und mit einer Zeit von 09:59:37 (23 Sekunden (!!!) unter meiner angepeilten Zeit von 10 Stunden ;o) ins Ziel gekommen. Ich berichte auch nicht von meinem zweiten, an dem ich meine beste Zeit mit 09:26 gefahren bin. Der Bericht handelt auch nicht vom dritten Ötztaler, an dem es am Timmelsjoch so geblasen hat, dass man kaum mehr vorwärts gekommen ist und einem Hagelgraupel die Bezwingung des höchsten Punktes vermiest hat. Und ich eigentlich von Anfang an innerlich einen Widerwillen gegen das Rennen hatte. Ich berichte von meiner bis dato letzten Teilnahme am Ötztaler bei der ich zwar nicht meine beste Zeit aber meine beste Platzierung erreicht habe. Bei der mich außerdem die Erfahrung, dass man viel schaffen kann, am meisten geprägt hat.

 

Mein Bericht zum Ötztaler Radmarathon 2013

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Einerseits schlafe ich vor Rennen immer schlecht. Die Nervosität lässt sich nicht leugnen. Andererseits habe ich im Bett meiner Pension in Sölden die ganze Nacht lang dem Geplätscher draußen zugehört. Es schüttet wie aus Kübeln. Auch beim Aufstehen. Das Frühstück schmeckt nicht. Wie immer. Wer hat um 04:30 auch schon Hunger? Trotzdem sitze ich mit ein paar Gleichgesinnten im Frühstücksraum und versuche, ausreichend Energie zuzuführen. Aber nicht so viel, dass einem bei den sehr schnellen ersten Kilometern schlecht wird. Der Frühstücksraum ist nicht voll. Einige haben sich aufgrund des Wetters wohl wieder im Bett umgedreht und sind liegen geblieben. Für mich kommt das nicht in Frage. Ich möchte in meiner Ergebnisliste kein DNF (did not finish) stehen haben. Zumindest nicht, weil es mir an Überwindung gefehlt hat.

Schon beim Warten auf den Start wird man durchgeweicht. Das Teilnehmerfeld ist deutlich ausgedünnt. (Copyright: Sportograf)

Schon beim Warten auf den Start wird man durchgeweicht. Das Teilnehmerfeld ist deutlich ausgedünnt. (Copyright: Sportograf)

Nach dem Frühstück raus in die Nässe. Eine Regenwand empfängt mich. Eiskalt ist es nicht. Nochmal überlegen, was man wirklich anzieht, was man mitschleppt. Der Platz im Trikot ist beschränkt und man will ja keinen überflüssigen Ballast mittragen. Ein großer Müllsack wird als Regenmantel zweckentfremdet. Zumindest nicht schon im Startblock soll man bis auf die Haut nass werden und frieren. Trotzdem. Die kurze Fahrt zum Startgelände reicht aus und die Füße sind platschnass. Die ca. 45 Minuten im Startblock verbringt man im strömenden Regen. Das kann ja heiter werden. Der Startblock ist eindeutig lichter als sonst. Einige Starter fehlen. Noch den letzten Riegel vor dem Start runtergeschluckt, Müllsack weg, letzte Kontrolle der Bremsen, der Gänge, des Gps Geräts. Glückwünsche zu einer sicheren Fahrt an die herumstehenden Mitstreiter und Mitstreiterinnen werden ausgesprochen. Und schon fällt der Startschuss. Die Kulisse in Sölden ist trotz Regens einmalig. Viele Angehörige, Freunde und Fans haben sich versammelt um den wackeren Carbonrittern ihre Ehrerbietung zu erweisen. Oder ergötzen sie sich an unserer Dummheit? Egal. Für uns fühlt es sich gut an. Es schüttet immer noch. Schon beim Tunnel kurz nach dem Ortschild von Sölden bin ich bis auf die Knochen nass. Ab sofort ist also alles egal. Das Tempo bis Ötz ist trotz regennasser Fahrbahn sehr hoch. Man schenkt sich nichts. Sehen tu ich wenig, ist die Brille doch total nass bzw. angelaufen. Naja. Solange man recht weit vorne im Feld fährt, sind die Fahrer meist erfahren und können die Spur halten. Weiter hinten würde ich heute nicht gerne sein.

Noch im Dunkeln und bei strömendem Regen geht's los. Von Sölden bis Ötz schenkt man sich nichts. Trotz Regen. (Copyright: Sportograf)

Noch im Dunkeln und bei strömendem Regen geht’s los. Von Sölden bis Ötz schenkt man sich nichts. Trotz Regen. (Copyright: Sportograf)

Kühtai (2020 m)

Die Auffahrt ins Kühtai verläuft wie immer. Der Regen stört mich nicht. Eigentlich macht der Regen die ganze Sache sehr besonders. Für mich zumindest. Irgendwie fühlt man sich noch stärker. Dass man dem Wetter trotzt und nicht aufgibt. Wellen kommen einem entgegen. Fühlt sich fast wie Surfen an. Ich wundere mich über viele Mitfahrer. Kurze Hose, kurzes Trikot. Da kühlt man dann doch aus. Ich trage Knielinge und eine Regenjacke. Kalt ist mir nicht. In Kühtai ist es dann aber schon frisch, bei der Labe gibt es Tee und Suppe. Viele Rennradler geben auf. Kurz/Kurz zu fahren war wohl doch keine so gute Idee. Für die Organisatoren wird es eine echte Herausforderung, alle Gestrandeten inkl. deren teils sehr teuren Räder zurück nach Sölden zu bringen. Die Abfahrt von Kühtai hinunter nach Innsbruck verläuft problemlos. Es schüttet immer noch. Klarerweise fährt man vorsichtiger, nimmt Geschwindigkeit raus, tastet sich vorsichtig um die Kurven. Riskieren bringt nichts. Ist ja mein Hobby, nicht mein Beruf.

Rückblickend sieht's im Kühtai sehr ungemütlich aus. (Copyright: Sportograf)

Rückblickend sieht’s im Kühtai sehr ungemütlich aus. (Copyright: Sportograf)

Die Abfahrt war weniger hektisch als sonst, war das Teilnehmerfeld doch ab dem Kühtai sehr reduziert. Außerdem war höchste vorsicht geboten. Wer will schon beim Surfen untergehen? (Copyright: Sportograf)

Die Abfahrt war weniger hektisch als sonst, war das Teilnehmerfeld doch ab dem Kühtai sehr reduziert. Außerdem war höchste vorsicht geboten. Wer will schon beim Surfen untergehen? (Copyright: Sportograf)

Brenner (1377 m) und Jaufen (2009 m)

In Innsbruck lässt der Regen nach, die Straße bleibt aber bis zum Brenner nass. Ich fühle mich wohl. Die Witterung hat mich beflügelt, nicht gehemmt. Komisch eigentlich. Am Brenner steht meine Mutter. Soll ich die Regenjacke zurücklassen? Ich trau dem Ganzen noch mit, schleppe sie mit. Ein Fehler. Schon ab Sterzing wird es sonnig, die Auffahrt auf den Jaufen schon richtig warm und schwül. Die Regenjacke muss weg, auch die Knielinge. Wohin mit dem Zeug? Der Platz im und unter dem Trikot wird rar, nützt aber nichts. Weiter geht’s über den Jaufenpass, wie immer mein ungeliebtester. Hier tu ich mich immer schwer. Eine Zuschauerin ruft mir zu, dass ich die 10. Frau im Feld wäre. Glaube ich nicht. Kann gar nicht sein. Irgendwann ist der Jaufen geschafft und die Abfahrt nach St. Leonhard verläuft ohne Schwierigkeiten.

Auffahrt zum Timmelsjoch. Kehren ohne Ende. Doch es ist der letzte Pass. (Copyright: Sportograf)

Auffahrt zum Timmelsjoch. Kehren ohne Ende. Doch es ist der letzte Pass. (Copyright: Sportograf)

Timmelsjoch (2509 m)

Nun fordert mich also nur mehr ‚il mostro‘, das Monster, das Timmelsjoch. In der Vergangenheit habe ich am Timmelsjoch immer die meisten Plätze gut gemacht. Je länger das Rennen dauert, desto besser fahre ich. Ich verausgabe mich anfangs meist nicht, bleibe unter meinem Maximum. Das kommt mir dann am Ende eines Rennens zugute. Auch dieses Mal plagt mich das Timmelsjoch nicht mehr als man erwarten würde. 1.750 Höhenmeter am Stück bis 2.500 Meter hinauf zu fahren ist immer schwer. Ich habe weder Krämpfe noch Sinnkrisen. Stetig geht’s bergauf, unterhalte mich mit den dieses Jahr besonders wenigen Mitfahrern. Ob sie das nervt? Mir bringt’s Ablenkung. Auf einem Plakat kurz nach Moos im Passeiertal steht „Ausgeträumt?“. Zufällig hat genau dort ein Radler eine Panne. Tut mir Leid für ihn. Endlich ist der Tunnel vor der Grenze in Sichtweite und schon bin ich am höchsten Punkt des Ötztalers angekommen. Ich sehe den großen Red Bull Bogen mit der Aufschrift, „Nun hast du deinen Traum“. Zeit zum Anziehen nehme ich mir nicht. Der Blick auf die Uhr sagt, dass sich eine Zeit unter 10 Stunden ausgehen sollte.

Endlich ist das Timmelsjoch erreicht. Das Foto ist nicht von 2013 sondern von meiner ersten Teilnahme 2010. Die Aussicht verändert sich dort oben aber allerdings kaum. (Copyright: Sportograf)

Endlich ist das Timmelsjoch erreicht. Das Foto ist nicht von 2013 sondern von meiner ersten Teilnahme 2010. Die Aussicht verändert sich dort oben allerdings kaum. (Copyright: Sportograf)

Die Abfahrt verläuft ganz anders als die Jahre zuvor. Unbändiger Gegenwind bläst mir ins Gesicht. Wo ich normalerweise schon mal 90 km/h auf dem Tacho hatte, schaffe ich hier mit voller Trittfrequenz grad mal 65. Die für viele unerwarteten 200 Höhenmeter hinauf aufs Windegg (nomen est omen) zur Mautstelle bei Hochgurgl teile ich mir ein. Ich weiß ja, dass die kommen. Die meisten denken, der Ötztaler ist am Timmelsjoch vorbei. Für die ist der Anstieg noch einmal eine letzte Zerreißprobe für Muskeln und Geist.

Die letzten Kilometer hinaus nach Sölden gebe ich Vollgas, ich hänge mich in den Windschattten, muss aber auch Windschatten geben. Die Männer, die mit mir fahren, haben auch nicht mehr Kraft als ich. Am Ende sind wir hier alle gleich. Den Zielsprint nur nicht zu früh ansetzen. Ansonsten kann man ihn nicht durchziehen. Die letzten Meter sind beim Ötztaler der Wahnsinn. Viele Fans, Jubel, Applaus, Musik auf voller Lautstärke. Geschafft! Insgesamt bin ich mit einer Zeit von 9:46 die 11. Dame in der Gesamtwertung, in meiner Altersklasse habe ich den dritten Platz erkämpft! Unglaublich! Wer hätte gedacht, dass ich je auf dem Podest des Mythos Ötztaler Radmarathon stehen würde! Kampfgeist und Durchhaltevermögen – es zahlt sich aus!

Die Zieleinfahrt in Sölden ist ein besonders emotionaler Moment. Zwischen Tränen der Erleichterung und Freudenschreien ist alles dabei. Da geh sogar ich mal aus mir raus ;o) (Copyright: Sportograf)

Die Zieleinfahrt in Sölden ist ein besonders emotionaler Moment. Zwischen Tränen der Erleichterung und Freudenschreien ist alles dabei. Da geh sogar ich mal aus mir raus ;o) (Copyright: Sportograf)

 

Die Teilnahme am Ötztaler war ein Jugendtraum von mir. Dass ich je auf dem Podest stehen würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. (Das Foto hat mein stolzer Papa gemacht)

Die Teilnahme am Ötztaler war ein Jugendtraum von mir. Dass ich je auf dem Podest stehen würde, hätte ich mir aber in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. (Das Foto hat mein stolzer Papa gemacht.)

Ötztaler Radmarathon: Zahlen und Fakten

238 km und 5.500 Höhenmeter sind über Kühtai, Brennerpass, Jaufenpass und Timmelsjoch zu bewältigen. Start und Ziel sind in Sölden. Mehr als 20.000 Radsportler möchten beim Mythos Ötztaler jährlich teilnehmen, 4.500 werden zugelassen. Die Starter kommen aus ca. 40 Ländern aus aller Welt, zwischen 5 und 8 % der Teilnehmer sind Frauen. Der Ötztaler findet immer am letzten Sonntag im August statt, 1982 war die erste Ausgabe. Damals erfolgte der Start noch in Innsbruck und es nahmen 154 Radfahrer teil. Aufgrund des schlechten Wetters startete im Jahr 2013 nur 3.350 Teilnehmer, 2375 erreichten das Ziel (2292 Männer, 83 Frauen). Ich war eine davon. www.oetztaler-radmarathon.com

Kurz vor dem Timmelsjoch gibt es die typischen tibetischen Fahnen aus alten Ötztaler Trikots (Copyright: Sportograf)

Kurz vor dem Timmelsjoch gibt es die typischen tibetischen Fahnen aus alten Ötztaler Trikots (Copyright: Sportograf)

 

Ich

bin bei der Tirol Werbung im Bereich Marketing und PR tätig, bin passionierte Rennradfahrerin und habe an schon fast allen Tiroler Rennrad Veranstaltungen und einigen Rennen außerhalb der Tiroler Landesgrenzen teilgenommen. Den Ötztaler habe ich bis dato 4 Mal bestritten. Der Bericht vom Ötztaler Radmarathon basiert auf meinen Erlebnissen meiner Teilnahme 2013. Die im Blogbeitrag publizierten Fotos stammen von Sportograf, Ötztal Tourismus oder sind Fotos von Verwandten oder Bekannten. Auf dieser Website sind von mir ausgearbeitete Tourenvorschläge für Tirol aufgelistet: http://www.tirol.at/rennrad. Außerdem habe ich einen Bericht zum Mythos Ötztaler Radamarathon verfasst.

Das bin ich. (Copyright: Sportograf)

Das bin ich. (Copyright: Sportograf)

1 Kommentar

  • Hotel DAS CENTRAL Sölden
    Danke für diesen tollen Beitrag... Hut ab vor jedem Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons! Auch für uns ist es jedes Jahr wieder ein unbeschreibliches Erlebnis. Das Central-Team www.central-soelden.com