Pitztal Valley

Vom Leben im Tal: das Pitztal

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Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Wie sich die Zeiten ändern: Noch im 19. Jahrhundert hielten die Pitztaler, wie schon seit mehreren hundert Jahren, jährlich am Annentag, dem 26. Juli, eine Gletscherprozession zum Mittelbergferner ab. Das ewige, sich gleichwohl ständig wandelnde Eis war während der sogenannten kleinen Eiszeit im 16. Jahrhundert bedrohlich nahe an den Weiler Mittelberg im hintersten Pitztal herangerückt. Man wusste es nicht besser, als Naturkatastrophen aller Art als Züchtigungsmaßnahmen eines genervten Gottes für ungehorsame Menschenkinder zu deuten.

Die Pitztaler (und die Menschen in einigen anderen Alpenregionen) gelobten deshalb alljährlich inbrünstig, Buße zu tun und sich radikal zu bessern, um den göttlichen Zorn zu besänftigen. Und als 1817 das Gerücht aufkam, dass die offenbar vergleichsweise aufgeklärte Diözesanleitung in Brixen Gletscherprozessionen, Bachsegnungen, Lawinenfeiertage etc. verboten habe, fragte der Pfarrkurator von St. Leonhard umgehend alarmiert an, ob der gelobte Kreuzweg nach Mittelberg „um die Abwendung eines Ausbruchs des so gefährlichen Eisberges zu erbitten“, tatsächlich „nicht mehr gefeyert und gehalten werden dürfe?“

Ob die Pitztaler sich trotz ihrer feierlichen Beteuerungen anhaltend unbotmäßig verhielten, oder ob Gott ihr Flehen womöglich einfach mangels Zuständigkeit abwies, ist nicht zu eruieren. Fix ist, dass Bachsegnungen bis heute stattfinden, während die Gletscherprozessionen in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts abgeschafft wurden.

Wildspitzbahn auf den Hinteren Brunnenkogel

Das Gletscherskigebiet ist eine der wichtigsten Säulen in der Pitztaler Tourismuswirtschaft, im Oktober 2012 wurde die spektakuläre Wildspitzbahn auf den Hinteren Brunnenkogel eröffnet.

Mittlerweile bilden der Taschachferner und der Mittelbergferner, die beiden großen Gletscher an der Wildspitze, die Grundlage des Pitztaler Wirtschaftslebens. Dass mit dem Bau der Gletscherbahnen in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts auch in das bis dahin ärmliche Pitztal Wohlstand durch Tourismus einzog, könnte man durchaus auch als Anlass dafür betrachten, einer höheren Macht „s’Maul z’mache“: „Jemandem ein Maul machen“ nennen die Pitztaler nämlich den mehr oder weniger subtil diplomatischen Versuch, sich bei jemandem einzuschmeicheln.

 

In der Reihe „Vom Leben im Tal“ porträtiere ich diesen Sommer verschiedene Tiroler Täler und erzähle Geschichten von viel Leben auf wenig Raum. So will ich Gästen aus aller Welt Tirol ans Herz legen und Einheimischen die Augen für das Besondere am Vertrauten öffnen.

Leben in Tirol

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