Rotpunktkurve – Sieht leichter aus, als es ist. (Foto: Sebastian Schiek)

Das Trailbiest von Innsbruck – eine Streckenbesichtigung am Nordkette Singletrail

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Steffen

Der passionierte Downhill-Biker Steffen Arora erobert die Berge am... Zum Autor

Hoch über Innsbruck liegt der wohl gefürchtetste Downhill-Trail Tirols. Auf einer Länge von 4,2 Kilometern überwindet er mehr als 1.000 Höhenmeter. Der Nordkette Singletrail gilt als einer der steilsten und schwierigsten seiner Art in Europa. Beim alljährlichen Downhill-Rennen auf dem Trailbiest treffen Profis auf Amateure – und Zweitere lassen Erstere dabei oft ganz schön alt aussehen.

Man hasst ihn oder man liebt ihn. Dazwischen gibt es nichts, wenn es um den Nordkette Singletrail geht. So mancher ambitionierter Downhiller hat hier oben schon die Nerven weggeschmissen, ob der Steilheit, der engen Kurven, dem losen Geröll und der mächtigen Felsstufen. Dieser Trail ist nichts für schwache Nerven, viele nennen ihn in Anlehnung an den Skiklassiker von Kitzbühel die Streif des Downhills.

Hier seht ihr einen unbekannten Unerschrockenen, der seine ganz persönliche, offenbar etwas frustrierende Nordkette-Erfahrung auf YouTube teilt.

Der Grund für die radikale Streckenführung, die schnurgerade unterhalb der Gondelbahn in Richtung Tal führt, ist aber keineswegs dem Tiroler Draufgängertum geschuldet. Als der Trail geplant wurde, stimmten von dutzenden Grundbesitzern, über deren Land die ursprüngliche Linie führen sollte, nur die Innsbrucker Nordkettenbahnen zu. Und so kam es, dass die Urgesteine der Innsbrucker Downhillszene, die Vertriders rund um Christian Piccolruaz, den Trail entlang des alten Seilbahnsteigs planten und realisierten. Das Ergebnis ist der Nordkette Singletrail.

Das große Rennen

Raiffeisen Club Nordkette DH.Pro 2015 – Event VideoEnjoy the video review of Raiffeisen Club Nordkette DH.Pro 2015! Thanks to everybody who was racing or who helped out to make it happen again!

Posted by Nordkette Downhill.PRO on Monday, August 31, 2015

Die Strecke auf der Nordkette ist viel zu lang für ein Weltcup-Rennen, trotzdem treffen sich hier jährlich Profis aus aller Welt, um sich mit den Locals und Amateuren zu messen. Das Nordkette Downhill.Pro, das heuer am letzten Augustwochenende stattfand, gilt als Besonderheit im Rennzirkus. Denn normalerweise dauert ein Downhill-Rennen um die drei Minuten. Die Bestzeit auf der Nordkette hält bis heute die australische Downhill-Ikone Sam Hill mit 9:21 Minuten. Weil das Rennen ein eigenständiger Event ist, dürfen hier neben den Profis auch Amateure an den Start gehen. Und auf der Nordkette kann die Kenntnis der Strecke den großen Unterschied ausmachen, da sie einfach zu lang ist, um sie sich nach wenigen Testläufen zu merken. Daher überraschen hier immer wieder Lokalmatadore, die namhafte Downhill-Profis in die Schranken weisen.

Sieger des Rennens Marcelo Gutierrez. (Foto: Sebastian Schiek)

Der Sieger des Nordkette Downhill.Pro 2015, Marcelo Gutierrez. (Foto: Sebastian Schiek)

Heuer konnte sich zwar der Kolumbianer Marcello Gutierrez – seines Zeichen Nummer 7 im Weltcup – in Innsbruck durchsetzen. Doch schon auf Platz vier folgte mit Benedikt Purner der Tiroler Local Hero. Vor zwei Jahren schaffte der Innsbrucker das Kunststück, vor allen Profis den Sieg einzufahren. Eine Schwierigkeit im Mittelteil kostete ihn diesmal aber wertvolle Sekunden und den Podestplatz. Für die antretenden Amateure ist es natürlich ein besonderer Reiz, sich mit den Stars zu messen. Und auch 2015 durften sich wieder einige damit brüsten, große Namen wie den Australier Mick Hannah (Platz 10) oder den Südafrikaner Andrew Neethling (Platz 12) hinter sich gelassen zu haben. Alle Ergebnisse des Rennens sind hier zu finden.

Der Zweitplatzierte Wyn Masters hat sich fürs Dirt-Magazin mal wieder durch’s Fahrerlager getrieben und beim Nordkette Downhill Pro in Innsbruck jede Menge Teilnehmer interviewt. Marcelo Gutierrez, Mik und Tracey Hannah, Andrew Neethling, Markus Pekoll und jede Menge mehr:

Der Kampf mit dem Berg und der Angst

Für den Großteil aller Downhiller ist eine Rennteilnahme auf der Nordkette aber ohnehin kein Thema. Bereits das schiere Bezwingen dieses Trails kommt für Otto Normalverbraucher am Full Suspension Bike einem Weltmeistertitel gleich. Egal in wie vielen Bikeparks man schon gefahren ist, die Nordkette ist unvergleichlich. Doch sie hat auch ihren ganz eigenen Reiz. Hier ist jede Abfahrt eine Herausforderung. Durch Wettereinflüsse ändert der Trail immer wieder seinen Charakter. Kenner wissen, dass die besten Verhältnisse an einem sonnigen Tag nach Regen vorherrschen. Dann ist der Boden halbwegs griffig. Vom Start bis ins Ziel ändert sich der Untergrund aber immer wieder, weshalb auch diese Faustregel nur bedingt gilt. Nur eine Biker-Regel gilt hier oben mehr als sonstwo: It’s all about falling down and getting up again. Ich selbst zähle mich zu den absoluten Fans der Nordkette und kenne den Trail sowie die Sturzmöglichkeiten zur Genüge. Kleinere Beziehungsstreitigkeiten mit meinem Lieblingstrail haben mich in den vergangenen Jahren zwei Mal ins Spital befördert. Doch die Liebe ist ungebrochen. Daher im Folgenden ein kurzer Trackwalk am Trailbiest.

Starthang

Direkt unterhalb der Seegruben-Station startet der Singletrail an der obersten Stütze des Dreier-Sesselliftes. Der Einstieg ist steil, aber auch für weniger versierte Downhiller zu schaffen. Doch schon in der zweiten Kurve zeigt das Trailbiest, was einen auf den kommenden Kilometern erwartet. In der felsigen Rechtskurve im Latschenfeld trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer hier scheitert, ist besser beraten, den Forstweg ins Tal zu nehmen. Denn es wird definitiv nicht einfacher. Nach der ersten Wegkreuzung folgt ein neu angelegter kleiner Sprung in die Wiese, bevor es zum ersten größeren Rock Garden geht. Es gilt absolutes Sturzverbot in dieser Passage. Dann folgt ein relativ flowiger Abschnitt am Rande der Piste, wo im Winter die Skifahrer zum Dreier-Lift abfahren. Szenisches Highlight ist hier sicher die lange Steilkurve auf Höhe Liftstation, die – hätte man Zeit dazu – großartige Ausblicke auf Innsbruck eröffnet.

Die letzte Kurve bietet ein traumhaftes Panorama. (Foto: Christian Forcher)

Die letzte Kurve am Starthang bietet ein traumhaftes Panorama. (Foto: Christian Forcher)

Dreier-Stützen Albtraum

An der markanten Seilbahnstütze unterhalb des Dreierliftes geht es in den berüchtigtsten Teil des Trails. Der Dreier-Stützen Albtraum ist steil, mit engen Kehren, die mit Steilstufen gespickt sind, übersät und zugleich mit sehr losem Boden garniert. Jeder, der oft hier oben fährt, weiß die vielen Latschen am Streckenrand zu schätzen, die einen bei den unvermeidbaren Stürzen zumindest sanft auffangen. Am Ende dieses Streckenabschnittes wartet mit der Preußen-Schleuder noch eine besonders tückische Steilstufe über eine Wurzel, die ihrem Namen alle Ehre macht. Doch heuer wurde die Umfahrung der Schleuder, ein wirklich tolles Northshore-Element entlang der Latschen, generalsaniert und bietet eine tolle Alternativroute.

Mischwald

Nach ganz kurzem Durchatmen geht es in den längsten und kräftezehrendsten Abschnitt, den Mischwald. Der Name ist der Vegetation geschuldet. Nach dem baumlosen hochalpinen Terrain im Starthang und den Latschen im Dreier-Stützen Albtraum folgt ein steiniger Trail durch den Mischwald. Dieser Streckenteil ist gespickt mit Herausforderungen, wie dem Panorama-Gap (derzeit gesperrt) und unzähligen engen Kurven. Doch wer sich traut und die Bremsen öffnet, findet hier auch jede Menge Flow.

Fleischbank – Lawinenkegel – Schlammtango

Nach schier endlosen Kurven und Spitzkehren kreuzt der Trail auf Höhe Fleischbank wieder den Forstweg. Zeit, um die bereits brennenden Unterarme auszuschütteln und durchzuatmen. Wir befinden uns jetzt auf Höhe des Damenstarts. Hier gehen die wagemutigsten Frauen ins Rennen, das heuer die Australierin Tracy Hannah für sich verbuchen konnte. Mit einem Riesensatz geht es über den Lawinenkegel und dann ab in die erste Wurzelpassage des Trails. Bei Nässe ein besonders tückischer Part, weshalb er den Beinamen Schlammtango trägt. Hier hat der Verfasser dieser Zeilen im Juli seinen letzten kapitalen Sturz hingelegt – zum Glück ohne gröbere Blessuren. Für das Rennen wurde am Ende des Schlammtangos das legendäre Roadgap wiederaufgebaut. Ein vier Meter hoher Sprung über den Forstweg, zugleich der Publikumsmagnet.

Roadgap - Der Hotspot für die Zuseher bei jedem Rennen. (Foto: Sebastian Schieck)

Roadgap – Der Hotspot für die Zuseher bei jedem Rennen. (Foto: Sebastian Schieck)

Vertriders Choice

Kurz nach der Zweier-Stütze der Seilbahn ändert sich das Terrain wieder grundlegend. Nun fährt man auf lehmigem Untergrund weiter, der bei Regen zur reinen Rutschbahn wird. Bei Trockenheit jedoch verspricht dieser Vertriders Choice genannte Abschnitt wirklich viel Fahrspaß. Bekanntestes Feature in diesem Abschnitt ist die Radstudio-Kurve, benannt nach einem Innsbrucker Radfachgeschäft. Die Kurve wurde ein den vergangenen Jahren deutlich entschärft, aber sie erfordert immer noch einiges an Fahrtechnik, um sie zu bewältigen. Vor allem die große Stufe am Ende der steilen Rampe verlangt den bereits völligen ausgelaugten Unterarmen noch einmal alles ab.

Rotpunktkurve - Sieht leichter aus, als es ist. (Foto: Sebastian Schiek)

Rotpunktkurve – Sieht leichter aus, als es ist. (Foto: Sebastian Schiek)

Rotpunkt-Kurve und Zielsprung

Der Schlussteil des Trails ist eigentlich ein wirklich spaßiger. Allein: Nach fast 10 Minuten Abfahrt – bei Amateuren bereits 20 Minuten – ist man völlig leer und kraftlos. Das macht die kleinen Sprünge und die lange Wurzelpassage zur wahren Tortur. Und um all das noch zu toppen, hat Nordkette –Veteran Benedikt Purner kurz über dem Wasserschlössel auf der Hungerburg mit der Rotpunkt-Kurve im Vorjahr ein neues Highlight geschaffen. Es geht über steile Kehren auf einen Felsvorsprung zu. Die Linienwahl ist hier entscheidend: Wer sich links hält, ist auf der sicheren Seite und muss eine steile, aber machbare Schrägfahrt über den Felsen unternehmen. Wer auf Zeit fährt und sich traut bzw. es kann, der sticht geradeaus über den Felsen hinunter. Ein ordentlicher Drop im schwierigen Gelände. Wer dann noch nicht genug hat, der nimmt den neuen Double vor den Wurzeln noch mit und kann kurz vor dem Zielsprung am Haus – ein großes Northshore-Element – zusätzlich Airtime sammeln. Letzte Belastungsprobe ist der Zielsprung, der je nach Anfahrtsgeschwindigkeit überrollt oder regelrecht überflogen werden kann. Hier ist Vorsicht geboten: die Begeisterung, den Trail besiegt zu haben, kann zu Übermut verleiten. Doch man sollte sich VOR dem Sprung überlegen, ob man noch die Kraft hat, die Landung zu stehen. Wieder spreche ich aus leidvoller Selbsterfahrung.

Der Zielsprung kann weit gehen. Man sollte aber bedenken, dass die Landung noch gestanden werden muss. (Foto: Felix Oesterle)

Der Zielsprung kann weit gehen. Man sollte aber bedenken, dass die Landung noch gestanden werden muss. (Foto: Felix Oesterle)

Der Nordkette Singletrail präsentiert sich heuer in perfektem Zustand. Wer sich sicher genug am Downhill-Bike fühlt, sollte ihn auf jeden Fall versuchen. Es gibt ständig die Möglichkeit, den Versuch abzubrechen und am Forstweg ins Tal zu rollen. Doch gute Schutzausrüstung ist obligatorisch, denn die Felsen verstehen keinen Spaß. Wer lieber nichts riskieren will, der kann am Steig direkt neben dem Trail auf die Seegrube wandern und dabei den Downhillern zusehen, wie sie die beschriebenen Stellen meistern. Beides ist ein lohnenswerter Sonntagsausflug.

Aktuelle Infos zum Trail sind hier zu finden:

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