Von Tennessee nach Tirol: Ein Mann und seine Rasierklinge kämpfen für den Bart.

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Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

In Knoxville, Tennessee, besuchte Sebastian Pfister das erste Mal einen „Barber Shop“. Heute betreibt er selbst einen. In Raumsau, Zillertal. „Was magst Du gar nicht?“, fragt mich Sebastian „The Barber“ Pfister, als ich ihn besuche, und voll Vertrauen unter sein (Rasier-)messer lege. Bitte nicht glattrasieren, sage ich, der Bart soll noch länger werden. Hinter mir reihen sich Whiskeyflaschen neben Pomade und Bartöl auf.  Sebastian grinst. Zumindest vermute ich das. Sein Gesicht versteckt sich hinter einem mächtigen roten Bart. „Viele versuchen, sich den Bart lang wachsen zu lassen“, sagt Sebastian, „aber meist tun sie das nur einmal. Man schneidet sich schnell mal versehentlich ein Loch in den Bart und dann muss man ihn wieder kürzen.“ Wer sich also wirklich einen langen Bart wachsen lassen will, sollte sich in die Hände eines Profis begeben. Logisch, dass ein Barbier sowas sagt, schließlich sind Bärte sein Geschäft. Und er hat recht.

The Barber

„Die Leute sehen es bei mir nicht mehr als notwendigen Trip zum Friseur, sie sind ja gern da,“ sagt Sebastian Pfister alias „The Barber“. So wie Stammkunde Daniel, der vor der Arbeit noch vorbeischaut. (Foto: Fabrizia Costa)

Wie es sein kann für einen Mann

Einen Barber Shop nennt Sebastian alias „The Barber“ Pfister seinen Treffpunkt für Männer, die Bart- und Haarpflege mit gemütlichem Socializing verbinden wollen. Wie er auf die Idee kam? „Ich habe in Texas studiert und mir viel angeschaut. Dann bin ich auch mal nach Knoxville, Tennessee gefahren, zu einem guten Bekannten unserer Familie. Der hat dort einen sensationell guten Barber Shop. Da habe ich das erste Mal erlebt, wie es sein kann für einen Mann.“ Außerdem erzählt mir Sebastian von seinem eigenen Großvater, dessen Herren-Friseursalon im Zillertal früher mal auch ein beliebter Treffpunkt war.

The Barber

Sebastian „The Barber“ Pfister trägt sein Logo als Tattoo am Unterarm. Einige seiner Kunden ebenfalls. (Foto: Fabrizia Costa)

Seit 2013 lässt sich Sebastian Pfister selbst einen Bart wachsen – für einen Barbier wohl eine Imagefrage. Nun betreibt er im Zillertal einen Barber Shop nach seinem Geschmack, eine gemütliche Ecke nur für Herren im Friseursalon seines Vaters Peter Pfister. Peter trägt auch Vollbart, allerdings um einiges kürzer als sein Sohn. Ich frage Peter, wie die Idee mit dem Barber Shop ankommt. Er sagt: „Der Mann will wieder Mann sein. Wir erleben ja auch umgekehrt die Reaktion unserer weiblichen Kundschaft, weil wir auch einen Damensalon haben. Die Frauen sehen auch wieder gerne Männer.“ Also Männer mit Bart, meint er wohl. Ich muss dabei an Conchita Wurst denken, die einen perfekt gepflegten, schwarzen Vollbart trägt und überlege, wie es ihr in Sebastians Barber Shop wohl gefallen würde.

Sebastian rührt den Rasierschaum an. (Foto: Fabrizia Costa)

Sebastian Pfister rührt den Rasierschaum an. (Foto: Fabrizia Costa)

Whiskey, Rasur und Feierabendbier

Sebastians Barber Shop will Männern gefallen. Bluesmusik, Whiskeyflaschen, eine Ledercouch und ein Flatscreen-TV mit Playstation – hier scheint das Haareschneiden und Rasieren fast nebensächlich. Sebastian Pfister dementiert: „Es ist keine Bar und auch kein Friseurstudio. Es ist ein Barber Shop. Ein Ort, an dem man sich einfach wohlfühlt als Mann. Hier drin ist jeder gleich, man kommt zum Plaudern. Dass es Whiskey und Bier gibt, empfinde ich als angenehmen Nebeneffekt. Wir sind keine Saufbude, aber bei uns können Männer auch abends um neun oder zehn Uhr vorbeikommen und ein Feierabendbier trinken.“ Und sich nebenbei das (Bart-)Haar pflegen lassen.

Nein, das ist kein Whiskey, sondern After Shave. (Foto: Fabrizia Costa)

Nein, das ist kein Whiskey, sondern After Shave. (Foto: Fabrizia Costa)

Wie ein heißes Messer durch Butter

Sebastian legt eine heiße Kompresse auf mein Gesicht. Damit sich die Poren öffnen und kein Rasurbrand entsteht, erklärt er. Auf diese Weise kann er das Barthaar so nah wie möglich an der Haut wegrasieren – die Rasur hält dann länger.

(Foto: Fabrizia Costa)

Eine heiße Kompresse öffnet die Poren und erleichtert die Rasur. (Foto: Fabrizia Costa)

„Bei mir kriegt jeder Kunde eine frische Klinge. Ein bisschen Hygiene muss schon sein. Die Klinge geht dann wirklich durch wie ein heißes Messer durch Butter“, sagt der Jung-Barbier.

Stillhalten ist angesagt, wenn Sebastian die Rasierklinge an der Kehle ansetzt. (Foto: Fabrizia Costa)

Wenn Sebastian die Rasierklinge an der Kehle ansetzt, ist Fingerspitzengefühl gefragt. (Foto: Fabrizia Costa)

Für einige von Sebastian Pfisters Kunden war es das erste Mal beim Barbier: „Vor allem jüngere Männer, die das erste Mal rasiert wurden, wussten nicht, was da auf sie zukommt. Da gibt’s schon ein paar, die einen gesunden Respekt vor so einer Klinge haben.“

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Sieht gefährlicher aus, als es ist: Rasur beim Barbier Sebastian Pfister im Zillertal. (Foto: Fabrizia Costa)

Nach der Rasur tätschelt mir Sebastian die Wangen. Nicht, weil ich so brav stillgehalten habe. Sondern, um mir Rasierwasser aufzutragen. Es brennt überraschenderweise kaum. Bei längeren Bärten verwendet er auch Bartöl, eine Pflege für das Barthaar und die darunterliegende Haut. Sebastian hält mir einen Spiegel vor. Für meinen Geschmack etwas viel Pomade im Haar, aber ansonsten fühle ich mich wohl mit dem Haarschnitt und der Rasur.

The Barber

Sichtliche Erleichterung nach der rasiermesserscharfen Prozedur. (Foto: Fabrizia Costa)

Bärte in den Bergen

Und weil wir schon im Zillertal sind, frage ich gleich den Einheimischen: Wie gut passen Bärte eigentlich hierher nach Tirol, Sebastian?

Rasur auf Wiens Straßen

Der junge Zillertaler Barbier mit dem roten Bart stellt sich auch in Sachen Vermarktung geschickt an. Diesen Sommer reiste er beispielsweise für eine Werbeaktion eines bekannten Whiskeyherstellers nach Wien. In einem temporären „Pop-Up Barber Shop“ auf der Straße verpasste er Passanten buchstäblich ein neues Gesicht:

The Barber on the road with Jack Daniels AustriaGreat time over the last few months with Jack Daniel’s Austria at the #JDBarNo7. Check them out for future tour dates! produced by EPICMINUTES PRODUCTION

Posted by The Barber on Tuesday, July 28, 2015

 

Barttrends und Wohlfühlmomente

Sebastian gibt offen zu, dass er vom momentan herrschenden Trend zum Bart profitiert. Das war zu Beginn ein Nachteil: Sebastian musste den Leuten erst mal erklären, dass er sich als Barbier auch gerne um das Haupthaar seiner Kunden kümmert. Denn das soll schließlich mit der Gesichtsfrisur zusammenpassen. „Mode hin oder her“, sagt Sebastian zum Abschied, „wohlfühlen muss man sich. Ich kann den coolsten Haarschnitt der Welt haben, aber wenn ich mich nicht wohlfühle damit, dann wir der bei mir nie cool ausschauen. Deshalb frage ich Dich am Anfang: Gibt es etwas, das Du gar nicht magst? Das mache ich dann auf gar keinen Fall. Alles andere ist Fair Game.“ Und das gilt in Knoxville, Tennessee ebenso wie in Ramsau, Zillertal.

 

Fotos: Fabrizia Costa, www.costaphotography.co.uk

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