Im Inneren des Kraftwerks steht ein unauffälliges Kunstobjekt, das die Idee der Nachhaltigkeit auf den Punkt bringt: Eine gespaltene Holzkugel, aus der ein Jungbaum wächst. Vielleicht ist es auch eine sanfte Kampfansage gegen Atommeiler, Braunkohlekraftwerk-Ungetüme und Megastaudämme. (Foto: Fabrizia Costa – www.costaphotography.co.uk)

Holz = Energie! Wie Biomasse ein Tiroler Dorf und die Welt verändert

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Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Fukushima in Japan, Sandouping in China und Jänschwalde in Deutschland: An diesen Orten haben Atomkraftwerke, Megastaudämme und gigantische Braunkohlekraftwerke das Leben der Menschen verändert – und zwar nicht nur zum Guten. Die kleine Gemeinde Fügen in den österreichischen Alpen liefert einen Gegenentwurf zur Energie-Gigantomanie.

Das Dröhnen der Turbine übertönt Tanja Engels Stimme immer wieder, während sie uns durch ein Kraftwerk führt, das früher mal ein ganz normales Sägewerk war – gegründet vor über sechs Jahrzehnten von Franz Binder. Heute betreibt die Firma Binderholz neben mehreren Sägewerken in Österreich und Deutschland eines der europaweit modernsten Biomasse-Heizkraftwerke. Es versorgt die rund 4.000 Einwohner zählende Gemeinde Fügen im Zillertal zu fast hundert Prozent mit Fernwärme. Mit der Wärme, die übrig bleibt, erzeugt eine Turbine rund acht Megawatt Strom und deckt damit den gesamten Strombedarf des Sägewerks. Den überschüssigen Strom speist die Firma ins öffentliche Stromnetz ein. Das war nicht immer so.

5 Millionen Liter Heizöl

Noch Anfang der Neunziger Jahre heizten alle Fügener Privathaushalte mit Öl und Kaminholz, Rauchschwaden gehörten im Winter zum Ortsbild, rund fünf Millionen Liter Heizöl verbrannte die Gemeinde jährlich. Das Sägewerk Binderholz wuchs inzwischen weiter und transportierte seine Holzabfälle mit schweren LKWs zu Heizkraftwerken in Salzburg. Bis Franz Binders ältester Sohn eine Idee hatte.

Hans Binder, ein ehemaliger Formel-1-Pilot und der älteste von Franz Binders Söhnen, hatte eine Idee. Er wollte die im Sägewerk anfallenden Holzspäne und Rinden direkt vor Ort als Energiequelle nutzen. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit bei der Gemeinde und Fördergebern baute er Anfang der 2000er-Jahre um 10 Millionen Euro ein Biomasse-Heizkraftwerk auf seinem eigenen Werksgelände in Fügen. Ein finanzielles Risiko. (Foto: Fabrizia Costa - www.costaphotography.co.uk)

Hans Binder, ein ehemaliger Formel-1-Pilot und der älteste von Franz Binders Söhnen, hatte eine Idee. Er wollte die im Sägewerk anfallenden Holzspäne und Rinden direkt vor Ort als Energiequelle nutzen. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit bei der Gemeinde und Fördergebern baute er Anfang der 2000er-Jahre um 10 Millionen Euro ein Biomasse-Heizkraftwerk auf seinem eigenen Werksgelände in Fügen. Ein finanzielles Risiko.

Das Risiko zahlte sich aus. Heute macht die Firma Binderholz einen Jahresumsatz von etwa 400 Millionen Euro und beschäftigt rund 1.200 Menschen in Tirol, Salzburg und Deutschland.

Was wie ein normaler Holzofen aussieht, ist das Miniaturfenster eines turmhohen Rohrschlangenkessels im Biomasse-Heizkraftwerk Fügen, der Wasser und Luft vorwärmt. Fernwärme für den ganzen Ort. (Foto: Fabrizia Costa - www.costaphotography.co.uk)

Sieht beinahe aus wie ein normaler Holzofen: Das Miniaturfenster des turmhohen Rohrschlangenkessels im Biomasse-Heizkraftwerk Fügen. Er wärmt Wasser und Luft vor und produziert so Fernwärme für den ganzen Ort.

95 Prozent Energieausbeute

Seit zehn Jahren bietet das Biomassekraftwerk geführte Touren. Guides wie Tanja Engel erklären Besuchern, wie es gelingt, bis zu 95 Prozent der Energie aus Holzabfällen herauszuholen.

Die Firma Binderholz gilt als Paradebeispiel für einen geschlossenen Energiekreislauf – sogar die beim Verbrennen der Biomasse entstehende Asche könnte theoretisch als Dünger eingesetzt werden. In der Praxis wird das noch getestet. Den Schlot des Kraftwerks ziert der Schriftzug „Kyoto“, benannt nach dem Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz aus dem Jahr 1997. Durch ein ausgeklügeltes Filtersystem spuckt der Schlot kaum Kohlenstoffdioxid, sondern überwiegend harmlosen Wasserdampf aus.

(Foto: Fabrizia Costa - www.costaphotography.co.uk)

In Schauräumen wie diesem vermittelt das Besucherzentrum bei Binderholz die Bedeutung von Holz im Alltag und im Kulturleben der Menschen.

Selbst Touristen interessieren sich inzwischen für das moderne Biomassekraftwerk und sein Besucherzentrum FeuerWerk. Anita und Manfred Schubert aus Deutschland machen Urlaub im Zillertal und erzählen, warum sie der Rundgang beeindruckt:

Beim Dachrestaurant SichtBar endet der offizielle Teil unserer Führung – mit Blick über das Werksgelände. In der SichtBar geben Musiker Konzerte, in einer Galerie im Erdgeschoss stellen Künstler Werke zum Thema Holz aus. Georg Angerer, ein Baum von einem Mann und Geschäftsführer des Besucherzentrums, drückt uns Signalwesten in die Hände, dann wandern wir zwischen LKWs, Radladern und Holzbergen durch. „Da dürfen Besucher normalerweise nicht rein – zu gefährlich“, sagt er. Kleine Jungs, die von großen Radladern träumen, würden hier feuchte Augen bekommen. Manche Besucher legen diese Begeisterung auch im Erwachsenenalter nicht ab, sagt Angerer.

Sauerstoff für 1.800 Personen

Kennt man die folgenden Fakten, versteht man den fanatischen Holz-Fan vielleicht besser: Knapp die Hälfte der gesamten Landesfläche Österreichs sind Wälder, jede Sekunde wächst ein Kubikmeter Holz nach. Nur zwei Drittel des jährlichen Holzzuwachses werden tatsächlich genutzt. Zudem gibt Holz beim Verbrennen nur die Menge an Kohlendioxid frei, die es zuvor aufgenommen hat und liefert somit klimaneutrale Energie.

Auch Besucher der EXPO 2015 in Mailand erleben Österreich als Holzland und Land des Waldes. Passend zum EXPO-Thema „Feeding the Planet. Energy for Life“ wächst nämlich im österreichischen Pavillon ein Wald im Kleinformat, der pro Stunde genügend Sauerstoff für 1.800 Personen erzeugt. Das renommierte Wallpaper Magazine und zahlreiche andere internationale Medien bezeichnen den österreichischen EXPO-Beitrag „Breathe Austria“ als einen der beeindruckendsten der insgesamt rund 145 teilnehmenden Länder.

Kulturelle Energie im Kraftwerk

Von der EXPO in Mailand zurück ins Zillertal. Künstler und Musiker gehen im Fügener Kraftwerk ein und aus. Am Tag unseres Besuchs treten beispielsweise die Musiker von Jütz auf, bei denen Folkloremusik mit Jazz kollidiert.

Foto: Fabrizia Costa

Jam-Session im Sägewerk. Im Sommer 2015 spielten „Jütz“ bei Binderholz, nachzulesen in diesem Blogbeitrag.

Gerhard Angerer erzählt, warum sich Künstler und Musiker wie Jütz in einen Holzverarbeitungsbetrieb mit angeschlossenem Kraftwerk verirren.

Die sanfte Kampfansage

Im Inneren des Kraftwerks steht ein unauffälliges Kunstobjekt, das die Idee der Nachhaltigkeit auf den Punkt bringt: Eine gespaltene Holzkugel, aus der ein Jungbaum wächst. Vielleicht ist es auch eine sanfte Kampfansage gegen Atommeiler, Braunkohlekraftwerk-Ungetüme und Megastaudämme. (Foto: Fabrizia Costa - www.costaphotography.co.uk)

Eine gespaltene Holzkugel, aus der ein Jungbaum wächst. Diese kleine Skulptur mitten im Kraftwerk bringt die Idee der Nachhaltigkeit bei Binderholz auf den Punkt. Vielleicht ist es auch als sanfte Kampfansage gedacht: Gegen Atommeiler, gegen Braunkohlekraftwerk-Ungetüme und gegen Megastaudämme. Für kleinteilige, dezentrale Energiegewinnung aus Holz und anderen erneuerbaren Quellen.

 

Derzeit bietet Binderholz täglich von Montag bis Samstag zwischen 9 und 16 Uhr geführte Touren an. Aktuelle Informationen: www.tirol.at/a-feuerwerk-holzerlebniswelt-fuegen

Fotos: Fabrizia Costa – www.costaphotography.co.uk

Text & Audio: Michael Gams

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