Fein sein, beieinander bleiben: Watter-Runde im Oetzer Gasthof zum Stern

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Watten ist Trumpf: Das analoge Ritual am Wirtshausstammtisch lässt sich durch ein Online-Kartenspiel nicht ersetzen.

Irene Heisz

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Irene Heisz schreibt am... Zum Autor

Natürlich kann man heutzutage auch online Watten. Aber das ist nicht die Welt von Hugo Stecher, Wastl
Schöpf, Christian Paoli und Josef Griesser. Jeden Samstag, Punkt 20 Uhr, finden sich die vier im Gasthof
zum Stern in Oetz ein, nehmen an ihrem Stammtisch im dunkel getäfelten Erker Platz und mischen die
Karten, ein Deutsches Blatt. Das echte Ritual gibt’s eben nicht im Internet, die so vertraute Atmosphäre am Kartentisch kann man nicht am Computer nachstellen. Und dieses Gefühl, wenn man gespannt die fünf abgegriffenen Karten aufnimmt und – unter scharfer Beobachtung unwillkürlicher, möglicherweise verräterischer Reaktionen des gegnerischen Teams – Trumpf oder Schlag ansagt, auch nicht.

Das Watten, wahrscheinlich zur Zeit der Napoleonischen Kriege um die Wende vom 18. auf das 19. Jahrhundert in Bayern entstanden, ist nach wie vor ein im gesamten Alpenraum beliebtes, je nach Region nach ein wenig unterschiedlichen Regeln ausgetragenes Kartenspiel. Und der Watter-Stammtisch im Stern ist auch schon seit Jahrzehnten eine Institution. „In der ursprünglichen Zusammensetzung kommen sie seit 50 Jahren, wahrscheinlich sogar noch länger“, erzählt Georg Amprosi, Wirt des Gasthauses.

Josef Griesser, Amprosis Onkel und sein Vorgänger als Stern-Wirt, widerspricht nicht. Er ist auch geradezu beschäftigt damit, sich mit seinem Watter-Partner darüber zu verständigen, wann er am besten den „Weli“, den er in der Hand hat, ausspielen soll. Die winzigen Zeichen, die über den schweren Wirtshaustisch hin und her fliegen, sind beredt, funktionieren aber stumm. Hemmungslos tarnen und täuschen, auch einmal beherzt bluffen und „Drei!“ bieten, um den Gegner zum Aufgeben zu nötigen, obwohl man selbst ein schlechtes Blatt in der Hand hat. Das alles gehört dazu, darin liegt der Reiz von analogen Vergnügungen wie Watten oder auch Perlaggen. Auch letzteres ist eines von diesen ganz und gar altmodischen Spielen, für die es nicht mehr braucht als ein paar Entschlossene mit einem wachen Geist und einem Satz Spielkarten bei der Hand.

In der Reihe „Fein sein, beieinander bleiben“ stelle ich verschiedene Tiroler Gemeinschaften vor.

Leben in Tirol

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