Foto: Brigitte Waltl-Jensen, OK Vierschanzentournee

Warum Skispringer vom Bergisel träumen: Freud und Leid am Tiroler Schicksalsberg

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Die Bergisel-Schanze ist in Innsbruck allgegenwärtig. Fast überall in der Stadt sichtbar, erinnert sie Tag und Nacht, mal imposant, mal farbenfroh, an dessen olympische Vokation.

 

Luca

Als Tiroler und Italiener in einem legt Luca besonders viel Wert... Zum Autor

Die Sicht nach Süden versperrend, den Aufstieg zum Brennerpass versteckend, ist die Schanze ziemlich genau in Richtung Norden gerichtet. In einer imaginären geraden Linie scheint sie mit dem sakralen Skisprungtempel Holmenkollen verbunden, als ob sie sich als südliche Bastion der nordischen Skisporttradition errichten wolle. Als dessen Botschafter fasziniert sie Mengen an Touristen aus aller Welt, die teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben eine Skisprungschanze sehen. Einmal im Jahr begeistert sie die Skisprungfans vor Ort und vor dem Fernseher, denn seit dem Jahr 1953 macht die Vierschanzentournee Station am Bergisel.

Bereits zum 64. Mal wird heuer die Vierschanzentournee, original die „Deutsch-Österreichische Springertournee“ in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen ausgetragen. Mit Olympia, der Nordischen-Skiweltmeisterschaft und dem Gesamtweltcup ist sie eine dieser Trophäen, die jeder Skispringer der was auf sich hält gewinnen muss.

Foto: Brigitte Waltl-Jensen, OK Vierschanzentournee

Foto: Brigitte Waltl-Jensen, OK Vierschanzentournee

Und die Tournee zu gewinnen ist wahrlich nicht leicht. Bei den vier Wettkämpfen zählt jeder einzelne Sprung zum Gesamtsieg. Es werden die Punkte aus Weite und Haltung, nicht die Platzierung oder die Weltcup-Punkte, aller Sprünge addiert. Wer nach Bischofshofen die acht weitesten und schönsten Sprünge gezeigt hat, darf sich Gesamtsieger nennen. Wer auch nur einmal Patz, Rückenwind oder einen langsamen Ski hat, hat keine Chance mehr. So konnten bereits vier Mal in der Geschichte der Tournee Springer, die auf drei der vier Schanzen erfolgreich waren, nicht den Gesamtsieg holen. Zweimal wurde ihnen der Bergisel zum Verhängnis: 1970/1971 dem Norweger Ingolf Mork und 1975/1976 dem Vorarlberger Toni Innauer.

Auf dem 746m hohen Schicksalshügel der Tiroler trennt sich die Spreu vom Weizen. Nicht etwa weil die Bergisel-Schanze viel schwieriger als die anderen drei Schanzen wäre, denn diese sind absolut gleichwertig und bringen ihre eigenen Merkmale und Anforderungen mit sich. Viel mehr ist die Platzierung im Tourneeprogramm dafür verantwortlich. Am Bergisel spielt der dritte von vier Akten. Ist es für viele Springer noch relativ leicht zwei gute Wettkämpfe hintereinander zu schaffen, so sind drei gute Wettkämpfe in Folge schon viel schwerer. Der Trichter wird enger und so reduzieren sich am Bergisel die Anwärter auf dem Gesamtsieg meist drastisch. In der Regel bleiben nur mehr ein Paar übrig, die am Dreikönigstag die Tournee beim großen Final in Bischofshofen unter sich ausmachen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass jährlich tausende Skispringfans auf den Bergisel pilgern. Die Stimmung im Stadion ist legendär. Lautstark werden die Springer zu Höchstleistungen getrieben. Es herrscht Länderspielstimmung, wobei selbstverständlich die Fans der Gastgebernationen der „Deutsch-Österreichischen Springertournee“ klar im Vorteil sind.

Stimmung im Bergiselstadion, Foto: Innsbruck Tourismus

Stimmung im Bergiselstadion, Foto: Innsbruck Tourismus

Auf der Schanze selbst haben jedoch auch andere Nationen mehr als nur ein kräftiges Wörtchen mitzureden. Mit 14 Siegen in insgesamt 62 Wettkämpfen (2008 konnte das Bergisel-Springen wegen zu starkem Wind nicht stattfinden) sind die Finnen die bis dato erfolgreichste Nation am Innsbrucker Hausbacken. Die Mannen um Matti Nykänen, Ari-Pekka Nikkola und Janne Ahonen liegen damit einen einzigen Sieg vor den rot-weiß-roten Adlern. Die ÖSV-Springer konnten allein zwischen 2009 und 2013 fünf ihrer 13 Erfolge feiern. Die Norweger und die Deutschen, mit dem Vorjahressieger Richard Freitag, duellieren sich um den dritten Platz in der ewigen Bestenliste mit jeweils 11 Siegen.

Mit jeweils drei Siegen sind Matt Nykänen, der Japanaer Kazuyoshi Funaki und Andreas Goldberger die erfolgreichsten Springer am Bergisel. Dass der Name Andreas frühestens seit 1809 kein Nachteil für Heldentaten am Bergisel ist, sollte weitgehend bekannt sein. Bestätigt wurde dies im Jahr 2000, als Andreas Wildhölzl als erster Tiroler Springer überhaupt auf der Heimschanze triumphieren konnte. Damit beendete er einen fast 50-jährigen Fluch. Seit damals konnten zwei weitere Tiroler den Bergisel erneut „erobern“. Gregor Schlierenzauer, der sogar zweimal gewinnen konnte, und Andreas – ja, wieder ein Andreas –  Kofler. Mit insgesamt vier Siegen, alle im neuen Jahrtausend, scheint der eigene Hausberg sich erst kürzlich auch skisprungtechnisch zum Lieblingsberg bzw. -hügel der Tiroler zu entwickeln. Zum Vergleich, die drei Japaner Kasaya, Kasai und Funaki haben es auch auf fünf Siege geschafft.

Ob ein Tiroler am 03.01.2016 wieder zuschlagen wird, steht noch in den Sternen. Nach den ersten Weltcupspringen in dieser noch sehr jungen Saison, kann man tendenziell von einem Duell zwischen dem deutschen Team, dem Norwegischen und dem Slowenen Peter Prevc ausgehen. Doch die Tournee ist bekanntlich anders. Hier werden die Karten neu gemischt. Die Formkurve der Österreicher, etwa eines Michael Hayböck, ist steigend und vielleicht schafft ein Gregor Schlierenzauer wieder den Sprung in die engere Weltspitze. Oder es triumphiert sogar ein Noriaki Kasai. Der 43-jährige Japaner, der bereits 1993 als Dritter mit Andreas Goldberger das erste Mal auf dem Bergisler Siegespodest stand und 1999 hier sogar gewinnen konnte, tritt auch heuer wieder an. Das wäre doch eine legendäre und Tournee- bzw. Bergiselwürdige Geschichte, oder nicht?

2 Kommentare

  • Michael
    Das erste Foto ist schon schön, man kann einen Tiroler Adler sehn. Wenn auch nur kurz, für einen Augenblick, am Isel braucht man heut' noch Glück, und Mut, dann fliegt man gut.
  • Hermann
    Mit einem Anflug auf den Friedhof ? ( Foto rechts )