Das jamaikanische Zweierbob-Team raste im Dezember 2015 beim Training durch den Eiskanal von Innsbruck-Igls. Sein Ziel: Die Qualifikation für die Bob- & Skeleton-WM im Februar 2016. (Foto: OEBSV)

Cool Runnings reloaded in Tirol: Ein Interview mit Jamaikas Bobmannschaft

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Von Bob Marley zur Bobmannschaft: Den karibischen Inselstaat Jamaika verbinden viele von uns mit Reggae – und mit Bobfahren. Bobfahren? Spätestens seit dem Hollywoodfilm „Cool Runnings – Dabei sein ist alles“ (1993) kennt beinahe jeder die Geschichte des ersten jamaikanischen Bobteams, das bei der Winterolympiade 1988 in Calgary (Kanada) startete. Oder zumindest die Hollywood-Filmversion dieser wahren Geschichte. Im Februar 2016 will Jamaika die wahre Geschichte fortschreiben, diesmal bei der Bob- und Skeleton WM in Tirol.

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Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Der aktuelle Trainer der Mannschaft ist ein bekanntes Gesicht: Devon Harris startete 1988 in Calgary für die erste Viererbob-Mannschaft in der Geschichte Jamaikas. Gemeinsam mit seinen beiden Zweierbob-Schützlingen Joel Alexander und Tyrone Mullings besuchte er im Dezember 2015 den olympischen Eiskanal in Innsbruck/Igls.

„Das Training lief trotz zwei Crashs ganz gut“

Nach dem ersten Trainingslauf im Eiskanal von Igls schaute das jamaikanische Bobteam für eine Einkleidung im Tirol Shop vorbei und nahm sich Zeit für ein Interview.

Wie gefällt euch das Outfit vom Tirol Shop?
Harris: Sehr bequem, fast besser als unsere eigene Teambekleidung (lacht).
Gestern seid ihr in Innsbruck angekommen und hattet eure erste Trainingssession. Wie ist es euch dabei gegangen?
Alexander: Es lief recht gut und machte uns Spaß, obwohl wir zwei Stürze hatten. Da gibt’s nichts zu beschweren. Es ist wohl die schnellste Strecke, auf der wir je unterwegs waren.
Ihr wollt 2016 bei der Bob & Skeleton WM in Tirol an den Start gehen?
Harris: Ja, wir wir sind aufgeregt und würden uns freuen, bei der WM dabei zu sein. Wir strengen uns an, um den Bobsport in Jamaica zu stärken.

„Lebe Deinem Traum“

Wie viel Wahrheit steckt tatsächlich im Film Cool Runnings? Selbst mehr als 20 Jahre nach der Verfilmung spielt die echte jamaikanische Bobmannschaft gerne mit diesem Klischee – die Internetadresse des jamaikanischen Bob- und Skeletonverbands lautet  konsequenterweise www.coolrunnings.org. Das heutige „Cool Runnings“-Team erzählt über sein ambivalentes Verhältnis zu dem Film, der Jamaika Anfang der 90er-Jahre als Bobnation weltbekannt machte:

Zwei Wörter fallen mir und vielen anderen Leuten ein, wenn sie an die jamaikanische Bobmannschaft denken: Cool Runnings.
Harris: Echt, wie kommst Du jetzt darauf? (lacht)
Was denkt ihr jetzt, im Jahr 2015 über diesen Film?
Alexander: Er ist legendär und das Erste, wonach uns jeder fragt. Du weißt schon, Dinge wie: Hey Jungs, habt ihr wirklich ein rohes Ei als Glücksbringer im Bob dabei? Dieser Film hat unsere Bobmannschaft erst so richtig bekannt gemacht.
Wie viel hat dieser Film mit eurer Karriere zu tun?
Alexander: Der einzige Unterschied vom Film zu uns ist, dass wir antreten, um zu gewinnen. Nicht nur, um dabei zu sein.
Euer Lieblingszitat aus dem Film?
Harris: Ich arbeite heute als Motivationstrainer und verwende gerne den Spruch „Go chase your palace“. Der beschreibt die Botschaft des jamaikanischen Bobsports, die wir Menschen weltweit vermitteln wollen. Egal woher Du kommst, welche Hindernisse in Deinem Weg liegen: Was immer Dein Traum ist, verfolge ihn.

„Es gab Zeiten, in denen wir keinen eigenen Bob hatten“

Habt ihr einen Slogan oder ein Ritual vor dem Rennen?
Harris: Das gibt es nur im Film. Ich weiß, der Film erzeugt ein bestimmtes Bild vom Team – „Fühlt den Rhytmus, fühlt die Musik…“ und so weiter. Wir haben haben am Start aber in Wirklichkeit dieselben Abläufe und Rituale wie zum Beispiel das österreichische Team und alle anderen Bobteams.
Bobfahren ist ein sehr kostspieliger Sport, ein neuer Rennbob kostet um die 100.000 Dollar, das sind über 90.000 Euro.
Harris: Ja, es gab Zeiten, in denen wir keinen eigenen Bob hatten. Auch in dieser Saison haben wir keinen eigenen Bob – noch nicht. Wir müssen ihn also mieten.
Was ist euer Ziel für die Bob- und Skeleton WM 2016 in Tirol?
Alexander: Wir wollen gewinnen.
Wie stehen eure Chancen dafür?
Alexander: Es ist mein erstes Mal hier auf dieser Strecke, also mal sehen wie es im Training läuft. Aber egal was kommt, wir fahren, um zu gewinnen.
Mullings: Wenn wir wirklich hart arbeiten, können wir es schaffen.

Bobtraining Jamaika 6

„Der einzige Unterschied vom Film zu uns ist, dass wir antreten, um zu gewinnen. Nicht nur, um dabei zu sein.“

Bob-Olympiasieger mit jamaikanischen Wurzeln

Bisher konnte noch keine jamaikanische Bobmannschaft Edelmetall bei Großveranstaltungen holen. Ein Jamaikaner hat seinen Traum vom olympischen Edelmetall allerdings schon jetzt verwirklicht, wenn auch nicht für sein Heimatland: Lascelles Brown. Er gilt als einer der weltbesten Anschieber, startete bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City 2002 für Jamaika, übersiedelte aber noch im selben Jahr nach Kanada. 2005 wurde er gemeinsam mit dem legendären Bobpiloten Pierre Lueders Weltmeister im Zweierbob und gewann Bronze im Viererbob. Im Jänner 2006 erhielt Brown die kanadische Staatsbürgerschaft und gewann nur einen Monat später olympisches Silber in Turin – wieder mit Lueders. 2010 in Vancouver, bei seinen bereits dritten olympischen Spielen, eroberte Brown die olympische Bronzemedaille mit dem kanadischen Viererbob. Nach einem Zischenspiel für die Bobmannschaft von Monaco startete Brown nochmals für Kanada bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. Dort belegte er sowohl im Zweier- als auch im Viererbob den neunten Rang.

Das Ziel: Die Bob- und Skeleton WM 2016 in Tirol

Selbst wenn Joel Alexander und Tyrone Mullings bei der Bob- & Skeletonweltmeisterschaft 2016 in Tirol keine Medaille holen, werden sie es weiter versuchen. Denn für sie ist dabei zu sein nur der erste Schritt. Mit dem Besuch in Innsbruck schließt sich übrigens ein Kreis: Der echte Trainer der ersten jamaikanischen Olympia-Bobmannschaft im Jahr 1988 war nämlich aus Tirol.

Nähere Infos zur Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft 2016 in Tirol findet ihr auf www.tirol.at/veranstaltungen

Fotos: Österreichischer Bob- und Skeletonverband

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