Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Das alpine Universitätszentrum Obergurgl – forschen, schlafen und … naja, genießen.

------

Da wo der Wald sich lichtet und nur noch vereinzelnde Bäume sich gegen Wind und Wetter stemmen, da wo die Gipfel der Dreitausender ganz nah sind und das Eis der Gletscher die Sonnenstrahlen zurückwirft, da liegt das Universitätszentrum Obergurgl. Doch weder pfeift der Wind durch die Ritzen der Mauern, noch wärmen sich die Forscher und Gäste des Hauses an einem lodernden Feuer. Die Forschungszentrum ist nicht nur komfortabel, sondern irgendwie fast luxuriös.

Kristina

Kristina Erhard war schon viel unterwegs, am liebsten in Afrika.... Zum Autor

Meine Ankunft im Universitätszentrum Obergurgl wird von Wind und Schnee ausgebremst, sodass ich mich mit meiner Innsbrucker Straßenkleidung erst mühsam ins Innere flüchte. Nur um zu erkennen, dass die Forschungsgilde der Universität Innsbruck wohl eher die Funktionskleidung für schick hält. Mit gutem Grund: Die Wetterstation sowie viele alpine Untersuchungsflächen sind draußen im Freien. Wo heute Glaziologen, Geografen, Biologen und weitere Naturwissenschaftler forschen, war im frühen 20. Jahrhundert außer den beieindruckenden 3000endern und ein paar gedrungen Häusern mit dicken Mauern nicht viel …

Luxus und luxuriöse Unterbringung? Kein Widerspruch bei richtiger Kleidung. Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Luxus und luxuriöse Unterbringung? Kein Widerspruch bei richtiger Kleidung. Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Drei große steinerne Gebäude schmiegen sich in die schroffer werdende Berglandschaft der Ötztaler Alpen. Ein wenig plump, aber von einer stabilen Anmut. Und das hat auch seine Gründe: Immerhin waren die Gebäude des heutigen Forschungszentrums ehemalige Zollhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert, und für die Unterbringung von Zollbeamten gedacht. Damals war Obergurgl noch ein kleines Bergdorf. Zur Sicherung ihrer Existenzgrundlage waren laut eines Berichtes im „Tiroler Boten“ von 1821 im Ötztal fast alle Bauern im Winter als Leinenweber oder Lodenwirker tätig. Flachs wurde im Tal angebaut und über das Timmelsjoch ins Passeiertal zum Verspinnen verkauft. Doch das Konsumverhalten änderte sich, was in Obergurgl zunächst zu einem starken Bevölkerungsrückgang führte: 1910 lebten hier nur noch 39 Menschen. Dann kam der Alpinismus und mit ihm die Touristen.

In den 50iger Jahren wurde hier in Obergurgl alpine Tradition mit Forschung und Sport verbunden. Typisch Tirolerisch, so scheint es. Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

In den 1950iger-Jahren wurde hier in Obergurgl alpine Tradition mit Forschung und Sport verbunden. Typisch Tirolerisch, so scheint es. Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Bergsport entwickelte sich zu einem Massenphänomen. Und mit ihm ein Pionier, wie ihn viele Tiroler Seitentäler hervor brachten. Dieser jedoch entschied sich für was anderes: der Dokumentation und der Erforschung des Hochgebirges. Einher ging Dr. Wolfgang Burgers Vision mit körperlicher Ertüchtigung in Form von Bergsteigen, Klettern und Skitouren.

Abseilen für Anfänger. Studiert ist studiert. Foto:Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Abseilen für Anfänger. Studiert ist studiert. Foto: Alpine Forschungsstelle Obergurgl

Das erste hochalpine Forschungs- und Sportzentrum Tirols wurde 1951 in den ehemaligen Zollhäusern in Obergurgl eröffnet. Und wirkt auf den ersten Blick typisch tirolerisch. Auf den zweiten Blick auch: Sport und Forschung in einem? Wo gibt es das sonst …

Seminare, Sauna und Spitzengastronomie.

Wieso auch nicht? Forschung mit Lifestyle...Foto: Kristina Erhard

Wieso auch nicht? Forschung mit Lifestyle … Foto: Kristina Erhard

Die Alpine Forschungsstelle der Universität Innsbruck in Obergurgl – ein Teil des Universitätszentrums Obergurgl – blickt auf eine bewegte Forschungsgeschichte zurück, sowohl als Gebäude als auch als wissenschaftliche Einrichtung. Eines vorweg: derart bequem haben es die Forscher wohl nirgendwo sonst auf knapp 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Eine erste bequeme Überraschung: Die drei Häuser sind durch Tunnel miteinander verbunden, deren Höhe zwar wirklich in das frühe letzte Jahrhundert passt, jedoch den Bezug meines Zimmers einfacher macht (zumal ich mit Tasche statt Bergrucksack reise). Ich treffe mich mit Dr. Nikolaus Wilhelm Heinrich Schallhart, der Nach-Nach-Nachfolger (oder sowas ähnliches) vom Forschungszenturm-Begründer Wolfgang Burger, der übrigens 1930 mit jungen 21 Lenzen promovierte – damals der jüngste Doktor Österreichs. Burger studierte Morphologie und Geologie,„Klaus“ Schallhart konzentriert sich als Zoologe auf die alpine Tierwelt.

Getrost einzigartig, Steine klopfen und Gletscherforschung untertags, 4-Gänge-Menü am Abend. Foto: Kristina Erhard

Getrost einzigartig, Steine klopfen und Gletscherforschung untertags, 4-Gänge-Menü am Abend. Foto: Kristina Erhard

Bei meiner Frage nach der Besonderheit dieses Ortes, der in diese dicken Steinmauern gekleidet ist, leuchten Schallharts Augen auf. Mir scheint es, als wäre ich auf ein alpines Forschungskleinod gestoßen, das wohl den heiligen Gral der hochalpinen Forschung ausmacht: Höhe in Kombination mir Gletscher. Diese Steinhäuser beherbergen nämlich alles, was der Gletscher- und Gletscherumfeldforscher von heute benötigt und noch vieles mehr … inklusive eines hochsensiblen Seismographen, der auch nur die geringste Erschütterung am Alpenhauptkamm hier in den Ötztaler Alpen akribisch misst. Und es rumst ganz oft, lasst euch das gesagt haben, werte Leser. „Das besondere an Obergurgl, dieser Forschungsstation und den Gletschern sind die langjährigen Messreihen, die hier durchgeführt werden,“ erklärt Schallhart, „dabei beobachten wir nun schon seit über 60 Jahren den Gletscher und vor allem auch, was nach dem Rückzug des Gletschers mit der Natur passiert. Das ist einzigartig.“ Ich glaube es ihm gern; gegeben seiner Freude während er mir von der interdisziplinären Forschung hier im Forschungszentrum erzählt. Dabei liegt die Betonung auf „interdisziplinär“, denn hier haben alle (Forschungs-)richtungen Platz – zum Forschen, auf Exkursionen aber auch einfach zum Entspannen.

Langjährige Forschungsreihen sind der besondere Schatz dieser Einrichtung. Foto: Kristina Erhard

Langjährige Forschungsreihen sind der besondere Schatz dieser Einrichtung. Foto: Kristina Erhard

Übernachten kann man hier im Universitätszentrum Obergurgl nämlich wie in einem Vier-Sterne-Hotel samt Sauna und ausgesprochen gutem Essen…aber Psssst!!! „Sogar Architekten hatten wir letztes Jahr hier“, erzählt Schallhart weiter. “Die Architekturstudenten erstellten Modelle zu sogenannten ‚Schneewolken’, quasi künstliche Wolken in denen ebenfalls künstlicher Schnee produziert werden kann, “ führt er weiter aus. Ich bemerke, hier ist Platz für jeden, und das nicht nur räumlich wegen der großen Seminarräumlichkeiten und der Sauna. Sondern auch deswegen, weil man den Menschen ermöglichen will, dieses Haus inmitten der hochalpinen Landschaft des Ötztals auf sich wirken zu lassen. Habe ich die Sauna schon erwähnt?

Mehr Informationen und Ansprechpartner zur Alpinen Forschungsstelle Obergurgl: www.uibk.ac.at

 

Keine Kommentare