Dahoam isch Dahoam. Eine Auslandstirolerin erzählt.

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Eine quirlige, hübsche Frau steht mir gegenüber. Barbara Haid, ehemalige ORF-Moderatorin und Tirol Werberin mit Leib und Seele, ist vor sechzehn Jahren nach Bali ausgewandert. Der Liebe wegen. Mittlerweile lebt sie in Bangkok und ist gerade auf Heimaturlaub. Ihr Lachen ist ansteckend. Ihre Lust zu erzählen ist mitreißend. Ich will alles wissen! Was ihr an Asien gefällt, was für sie Heimat bedeutet und wieso das Leben nicht nur schwarzweiß, sondern ausgesprochen bunt ist.

Christina

Mit ihrem Blick für Details erkundet Christina Schwemberger Land,... Zum Autor

Kindheitserinnerung
Wir treffen uns an Barbaras Lieblingskraftplatz. In Gnadenwald, nahe ihres Heimatortes Hall in Tirol. Hier war sie früher oft, machte Spaziergänge durch die Wälder und Wiesen mit Mama, Papa und ihren Geschwistern. Und danach gab’s Eis im Michaelerhof. Wir gehen ein Stück spazieren, so wie damals. Barbara atmet tief ein. Hier duftet alles nach Kindheit. Einer glücklichen Kindheit.

Liebe
Wenn sie hier immer so glücklich war, warum wandert eine Vollblut-Tirolerin dann nach Bali aus? Was ist da bloß passiert? Ich kann es mir denken. Sie hat sich verliebt! „In den Franzosen Nicolas, den Chefkoch des Hotels, in dem ich mit meiner Freundin Urlaub machte.“ Für eine Fernbeziehung war die Distanz zu weit. Ihre Familie unterstützte sie bei ihrer Entscheidung, ihrem Liebsten zu folgen. Eine Herzensentscheidung, die ihr trotzdem nicht leicht gefallen ist. Eben weil sie in Tirol so verwurzelt ist.

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Schon lange ein tolles Paar. Barbara mit ihrem Nicolas, hier auf Bali.

Großstadtleben
Zuerst zog sie nach Bali, dann zwei Jahre nach Laos, dann wieder acht Jahre nach Bali und später nach Bangkok, wo Barbara und Nicolas nun seit drei Jahren leben. Ich bin gespannt, was der Tirolerin am Leben in Bangkok gefällt. Barbara überlegt, aber nur kurz. „Es ist so anders, so unglaublich bunt. Jeder Tag eröffnet neue Möglichkeiten. Ich spüre dort eine gewisse Leichtigkeit und Unabhängigkeit. Man ist in einem Leben im Ausland auch mit anderen Erwartungshaltungen konfrontiert, was natürlich auch ein Stück mehr Freiheit bedeutet. In Bangkok lebt die ganze Welt. Wenn wir beispielsweise zu einem Abendessen eingeladen werden, kann es vorkommen, dass neun von zehn am Tisch sitzenden Personen aus verschiedenen Nationen stammen. Diese Vielfalt ist wahnsinnig interessant.“

Barbara kümmert sich von Bangkok aus nicht nur um die Vermarktung ihrer „Bali Jiwa Villa“, die aus zwei Ferienvillen bestehen und die sie mit Nicolas gebaut hat (Anmerkung von mir: die Villen sind traumhaft, mitten im Dschungel von Bali. Ich hatte das große Glück, für zwei Tage dort wohnen zu dürfen), sie macht auch PR-Arbeit für größtenteils österreichische Kunden. Im Zeitalter des Internets spielt es zum Glück keine Rolle, wo man das macht. Ihr Liebes- und Lebenspartner Nicolas leitet den „Eastern & Oriental Express“, das ist der „Bruder“ des bekannten Orient Express Luxuszuges von London nach Venedig.

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Bangkok, eine bunte Stadt mit vielen Nationalitäten. Die Wolkenkratzer wirken fast wie Berge.


Kulturunterschiede

Klingt spannend. Ob das Zusammenleben mit anderen Kulturen auch mal schwierig sein kann, frage ich mich. Und sie. „Ja, das ist es manchmal schon, weil hier einfach ganz unterschiedliche Welten aufeinander treffen.“ sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Wenn man beispielsweise einem Balinesen auf einen Fehler hinweisen möchte, muss man dabei äußerst behutsam vorgehen. Jede Rüge gilt als Hieb auf seine mögliche Unzulänglichkeit und bedeutet für ihn, sein Gesicht zu verlieren. Pünktlichkeit ist auch so ein Thema. Was auf heute versprochen wird, kann auch morgen passieren oder sogar übermorgen. Das ist schwierig, weil ich ja ganz anders aufgewachsen bin und ein anderes Verständnis von Verlässlichkeit habe.“

Zufriedenheit
Barbara betont aber auch das Schöne. „Die Balinesen sind ausgesprochen glückliche Menschen. Sie haben zum Teil auch ganz andere Werte. Die Balinesen investieren ihr weniges Geld in die Ausübung ihrer Religion, den Hinduismus. Statussymbole wie Geld, Auto, Haus sind weniger wichtig für sie. Sie sind vermutlich gerade deshalb innerlich sehr reich.“

Heimatliebe
Bis zu drei Mal im Jahr besucht Barbara Tirol. „Meine Eltern sind älter geworden, weite Reisen sind für sie zu anstrengend. Also komme ich. Wir sind innerhalb der Familie alle sehr miteinander verbunden. Darüber hinaus sehne ich mich regelmäßig nach meinen Tiroler Kraftplätzen und schätze zwischendurch die Geborgenheit, die mir meine Heimat gibt. Es tut auch gut, wieder mal die eigene Sprache zu sprechen.“

Ort: Gnadenwald

Barbaras Lieblingskraftplatz Gnadenwald bei Hall in Tirol. Hier im Bild St. Martin.


Heimatstolz

Interessant. Somit ist Tirol immer noch ihre Heimat, auch nach so vielen Jahren im Ausland? Die Antwort folgt prompt. „Absolut. Hier sind meine Wurzeln, meine Familie, meine Lebensfreundschaften. Hier fühle ich mich geborgen. Heimat eben! Das wird immer so bleiben, egal wo ich gerade lebe. Tirol hat eine wunderbare Seele, hier lebt die Geschichte, die Kultur, die großartige Natur.“
Sie ist stolz darauf, Tirolerin zu sein. Und verliebt sich immer wieder aufs Neue in ihre Heimat. „Schmetterlinge flattern in meinem Bauch,“ sagt sie, „und zwar jedes Mal, wenn der Flieger Innsbrucker Boden berührt“. Barbara zeigt wieder ihr herzliches Lachen. Eine fröhliche Frau, die angekommen ist. Und das hat gar nicht so sehr mit ihrem Aufenthaltsort zu tun.

Bergwassser
„Was siehst du in Tirol als besonders kostbar an, seit du nicht mehr hier lebst?“ möchte ich von Barbara wissen. „Dass ich Wasser aus dem Wasserhahn trinken kann. Der erste Schluck ist immer die reinste Offenbarung für mich. Frisches Bergwasser ist an vielen Orten dieser Erde unbezahlbar, weil nicht vorhanden.“
Danke, Barbara. Dass du uns daran erinnerst, wie kostbar unser Wasser ist.

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Leitungswasser kann so köstlich schmecken, vor allem, wenn man es sonst nicht hat.


Jahreszeiten
Es wird etwas frisch, der Wind fühlt sich noch nicht ganz so frühlingshaft an, wie ich mir das wünsche. Wir wechseln in die Gaststube des Michaelerhofs. Dazu habe ich auch eine Frage. Ob es denn nicht traumhaft sein muss, praktisch nie warme Kleidung tragen zu müssen? Barbara nimmt einen Schluck Leitungswasser, das zum Kaffee serviert wurde. „Ich bin ein ausgesprochener Sommermensch. Von dem her könnte man das meinen, ja. Aber die Hitze, oft über 40 Grad, kann einen schon zu schaffen machen. Und der Wechsel der Jahreszeiten hat einen Zauber inne, der mir manchmal schon ein bisschen fehlt.“ sagt Barbara lächelnd.

Gastfreundschaft
Ihr Lächeln erinnert mich gleich an meine nächste Frage. „Was ist für dich Gastfreundschaft?“ frage ich und bin jetzt sehr gespannt auf die Antwort einer Tirolerin, die im Land des Lächelns lebt. Und selbst für Gäste vermietet. Barbara überlegt nicht lange, während sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. „Gastfreundschaft muss authentisch sein. Die Balinesen haben einen offenen Zugang zu Menschen, sie sind respektvoll und höflich. Ebenso die Thais. Ich habe mich in all den Jahren nicht ein einziges Mal unerwünscht gefühlt, sondern immer willkommen.“

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Barbara mit ihren balinesischen Mitarbeitern Desak und Putu.

Und wie ist das ihrer Meinung nach in Tirol, können wir da mithalten?
Barbara nickt. „Die Tiroler sind gastfreundschaftlich, weil auch sie authentisch sind. Man kann sie aber nicht mit den Balinesen vergleichen. Die Tiroler sind ein Bergvolk, manchmal etwas rauer in ihrer Art, aber im Herzen nicht weniger liebevoll. Und viele Gäste mögen gerade das. Hauptsache ehrlich!“

Kuriositäten
Barbara fügt schmunzelnd hinzu: „Apropos Freundlichkeit: Weder auf Bali noch in Thailand ist immer alles eitel Wonne. Ich weiß von einer Geschichte, da wollte ein junger Mann einen Job in dem Hotel, in dem Nicolas gearbeitet hat. Er wurde abgelehnt. Zur Rache hat er die Bäume vor dem Hotel jeden Morgen mit Müll dekoriert. Oder Freunde von mir, die auch Villen vermieten, haben sich geweigert, dem Grundstücksbesitzer nebenan eine Gebühr für die Aussicht zu zahlen. Dann hat er dort einfach eine stinkende Schweinefarm untergebracht! Ja, auch das gibt’s.“ Ich muss lachen. Süßes oder Saures? Das kommt aus Bali und nicht aus Amerika, nur weiß es keiner! Wir jetzt schon.

Ort: Stans

Die immer wieder faszinierende Wolfsklamm, am Weg zum Georgenberg.


Kraftplatz

„Gibt es noch einen Kraftplatz, den du besuchst, wenn du in Tirol bist?“ frag ich sie. „Ja, den Georgenberg. Zusammen mit meinen besten Freunden pilgere ich regelmäßig dorthin. Dann zünden wir ein Kerzerl an. Und kehren danach ein. Bereits als Kinder haben wir das mit der Familie so gemacht. Ein schönes Ritual.“
Na schau. Und ich hätte mir gedacht, dass sie bereits Hinduistin geworden ist. Auf Bali sind über 90% der Bevölkerung Hinduisten. Sie schüttelt den Kopf. „Nein, im Gegenteil. Seit ich im Ausland lebe, hat sich mein christlicher Glaube noch vertieft. Es gibt sehr gute weltliche Priester in Bangkok, die eines vermitteln: Glaube ist Liebe. Das finde ich sehr schön und habe ich für mich verinnerlicht.“

Geister
Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie zum Thema Glauben auch ein Gschichterl auf Lager hat. „Auf Bali ist der Glaube an Geister sehr stark und macht den Menschen dort auch mal zu schaffen. Konkret geht es um die Angst vor Geistern. Eine Angestellte unserer Villen hat einmal gemeint, einen Geist am Parkplatz gesehen zu haben. Ab diesem Zeitpunkt wollte keiner mehr allein in den Villen bleiben. Wir mussten schauen, dass immer zwei gleichzeitig Dienst haben, obwohl das abends gar nicht nötig gewesen wäre. Das war ein Trubel, das kannst dir gar nicht vorstellen!“ Barbara zeigt wieder ihr herzliches Lachen. „Aber wer weiß. Nur weil wir noch keinen Geist gesehen haben, heißt das nicht, dass die Balinesen sich das einbilden. Vielleicht sehen sie ja wirklich was, nichts ist bewiesen.“

Ort: Gnadenwald

Die Walder Alm. Auch hier verbrachte Barbara ein großes Stück Kindheit.


Rückkehr
Meine vorletzte Frage brennt auf der Zunge. Wird ihre Heimat sie eines Tages wieder ganz für sich haben? Barbara hat diese Frage erwartet, da bin ich mir sicher. „Klare Antwort: Jein. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir, in meine ursprüngliche Welt wieder ganz zurück zu kehren. Aber ich glaube, dass mir nach einiger Zeit vielleicht etwas fehlen würde. Ich werde auf die eine oder andere Art immer zerrissen sein. Es ruht inzwischen beides in mir, die Sehnsucht nach Vertrautheit und der Wunsch, immer wieder Neues und Buntes zu entdecken.
Mein Nicolas ist übrigens auch bunt. Das finde ich schön.“ Bunt wie sie?Ich weiß nicht, ob ich von Natur aus so bunt bin wie er. Oder ob er mich nur mitgerissen hat. Ist ja auch egal. Ich liebe es.“ Sie lacht. „Und ihn.“

Dahoam
Erinnerungen sind üblicherweise mit Düften oder Melodien verknüpft. Ich möchte wissen, ob es ein Lied gibt, das sie ganz besonders mit Tirol verbindet. Sie nickt. „Das gibt es tatsächlich. Und zwar Dahoam is Dahoam. Der Refrain dazu fällt mir immer ein, wenn ich wieder einmal auf dem Weg nach Tirol bin.“ Aha. Das ist doch von den Zillertaler Schürzenjägern? Sie schaut etwas verlegen. „Ich bin kein Fan volkstümlicher Musik. Aber dieses Stück mag ich, weil der Text so manches beinhaltet, was ich empfinde, wenn ich an Tirol denke.“

Jetzt ist Barbara gerührt. Eigentlich wir beide. Es dauert nicht lange, dann lacht sie wieder… und mir wird eines klar. Wir sind nicht nur an einem von Barbaras Kraftplätzen, diese Frau ist selbst ein eigener Kraftplatz.

Schön, mit ihr gesprochen zu haben.
Mit dieser Tirolerin aus Bangkok.

 

Es ist wunderschön des Land wo i auf’d Welt kommen bin
hab aufigschaut wie über unsre Welt die Wolken zieh’n
I hab mi oft in die Wies’n g’legt und träumt oft stundenlang
und nie hat mi die Angst befall’n net einmal war mir bang

Es ist wunderschön des Land wie i die Kindheit hab verbracht
i hab oft dankt dem Herrn da drob’n das er es hat so g’macht
da war so viel worüber i mi g’freut hab Tag für Tag
es war a Zeit voll Glück und Freud‘ und nix war mir a Plag

Dahoam is Dahoam des gibt’s nur einmal auf der Welt
so lang sich unsre‘ Erde dreht gibt’s nix was so viel zählt
Dahoam is Dahoam und da fühl‘ i mi nie allein
i woaß so long i da bin ja Dahoam des is Dahoam

(aus „Dahoam is Dahoam“, Zillertaler Schürzenjäger)

 

Fotos: Nicolas Pillet, Barbara Haid, Günter Kresser, Tirol Werbung

2 Kommentare

  • Thomas Weninger
    Wunderbares und sehr gut getroffenes Portrait einer wunderbaren Exil-Tirolerin!
  • Andrea Frötscher
    Das ist wirklich ein guter Artikel und ich kann genau verstehen wie sich Barbara fühlt, da ich auch schon seid 18 Jahren in England lebe, aslo auch Auslandsösterreicherin bin. Die Heimat, speziell Tirol, haltet dich fest, wie ein gut verankertes Boot, manchmal ist es stürmisch und manchmal wunderbar und klar, doch bleibt das Boot ständing verankert. Heimweh, oder eher die Sehnsucht nach Hause hört nie auf und ich finde das wunderbar. Ich schätze mich glücklich, dass ich immer noch so mit meiner Heimat verwurzelt bin!