Einer von 739 Tausend: Wie Oscar von Mexiko nach Tirol kam

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Heimat? Für Oscar Germes-Castro ein schwieriger Begriff. Er spricht lieber davon, dass er sich an zwei Orten zuhause fühlt: Einerseits in der 809.232 Einwohner zählenden mexikanischen Stadt Chihuahua, andererseits in Tirol mit seinen 739.002 Einwohnern. Den Tiroler Dialekt fand er anfangs schrecklich, traditionelle Tiroler Küche mag er – allerdings ohne Fleisch. Denn er kocht lieber vegetarisch in seinem Ein-Mann-Lokal, das etwas abseits der üblichen Touristenpfade Innsbrucks liegt. Mexikanische Schweinefleisch-Tacos gehören dennoch zu seinen liebsten Kindheitserinnerungen. Die Geschichte eines Mexikaners, der Tirol zu seinem neuen Zuhause gemacht hat.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Ein Kopf mit schwarzen Locken lugt zur Tür heraus, als wir bei Oscar Germes-Castro anklopfen. Genauer gesagt bei seinem Ein-Mann-Speiselokal mit dem treffenden Namen „Oscar kocht“. Er macht dort alles in Personalunion: Abspülen, Aufräumen, Kassa, Kochen, Servieren, Abservieren. Fragen, ob jemand eine Allergie hat und ob man scharf isst oder lieber mild. „Hier gibt’s kein Menü“, sagt Oscar, „es gibt keine Karte. Du sitzt da und bekommst das Gericht und das wars.“ Acht bis zehn Leute essen hier gemeinsam an einem Tisch zu Abend. Ein Raum, ein Tisch, eine Theke und Oscar. Die Idee dazu kam ihm, als er gekündigt wurde.

Der schönste Moment: Die Kündigung

Von 2005 bis 2013 arbeitete Oscar in einer weltweit tätigen Organisation mit Sitz in Innsbruck. Dann kam der Anruf. Personelle Umstrukturierungen. Die Abteilung, in der Oscar arbeitete, baute ein Drittel ihres Personals ab. Oscar sagt heute: „Ich habe drei Sekunden gebraucht und dachte: Schön, ich muss jetzt nicht mehr vor acht Uhr aufstehen und werde endlich ein Lokal eröffnen.“ Heute steht er hier in seinem eigenen Lokal und wirkt zufrieden.

Oscar unterbricht das Gespräch kurz, geht hinter die Theke und beugt sich zum Backrohr hinunter. Schließlich soll der Zucchinikuchen darin nicht verbrennen. Er kommt zurück und setzt sich wieder an den Tisch, der abends seinen Gästen vorbehalten ist. Weingläser, Teller, Gabeln, Messer. Vier Uhr nachmittags, der Tisch ist bereits gedeckt.

Der schwierigste Moment: Die Sprachbarriere

Vor 20 Jahren, als 17-Jähriger, wohnte Oscar noch in Mexico. Er stand kurz vor dem Schulabschluss und überlegte sich, was er danach machen sollte. Durch eine Freundin und seine Cousine kam er auf die Idee, erst mal einen Deutsch-Sprachkurs zu belegen. Sein Sprachlehrer riet ihm dann, ein oder zwei Semester in Europa zu verbringen, um seine Deutschkenntnisse weiter zu vertiefen. In Tirol.

Oscar kocht Innsbruck nachdenklich

„Es war wirklich schrecklich“, erzählt Oscar mit ernster Miene, „ich habe nicht gewusst, dass es hier Dialekte gibt.“ In Mexiko gibt es zwar indigene Sprachen, aber Dialekte kenne man dort nicht, sagt Oscar: „Ein Mexikaner kann problemlos mit einem Spanier, Kubaner oder einem Argentinier reden.“ Als Oscar nach Innsbruck kam, dachte er sich: „Das werde ich nie verstehen und nie sprechen können.“ Heute ist das kein Problem mehr: „Ich verstehe den Dialekt jetzt, aber ich kann ihn nicht sprechen.“ Die anderen Sprachschüler, mit denen Oscar nach Tirol kam, reisten bald zurück. Er blieb und studierte an der Uni Innsbruck Politikwissenschaften.

Die Entdeckung einer Leidenschaft: Kochen

„Wollt ihr den Kuchen mal probieren?“ unterbricht Oscar seine Erzählung. „Das ist eine Zucchini-Mandel-Tarte, ohne Mehl gebacken.“ Drin sind Olivenöl und Mandeln aus Tarragona, Bioeier aus Absam, Biozucchini aus Italien, Bio-Fairtrade Zucker und Vanille aus Mexiko. Schon als sechsjähriger Knirps begann er mit dem Kuchenbacken, gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester. Wenn ihm langweilig war, blätterte er die Gelben Seiten im Telefonbuch von Chihuahua durch und suchte nach Restaurants: „Ich wollte wissen, wie viele Restaurants es gibt und welches Essen sie anbieten.“

Als Oscar fürs Studium in Innsbruck blieb, wurde Kochen für ihn zur Überlebensfrage. Seine Eltern unterstützten ihn monatlich mit 3.000 Schilling (rund 220 Euro), davon brauchte er mehr als die Hälfte für die Miete in einer Wohngemeinschaft. Abzüglich aller Ausgaben blieben ihm pro Woche damals maximal 200 Schilling (rund 15 Euro) fürs Essen. „So habe ich angefangen, kreativ zu werden und musste lernen, einfache Gerichte für wenig Geld zu kochen. Das ist einer der Gründe, wieso ich kein Fleisch koche“, sagt Oscar. Es mache auch keinen Spaß, Fleisch zu kochen. „Grillen schon.“ Er lacht. Wir beißen ein Stück vom Zucchinikuchen ab.

Oscar kocht Innsbruck ZucchinikuchenAlle eineinhalb Jahre zieht es Oscar wieder nach Mexiko, als Student verbrachte er meist den ganzen Sommer dort. 2005 fand er schließlich einen Job und blieb in Innsbruck. Und er begann, sich in der Tiroler Musik- und Kulturszene zu engagieren, mit Kurzfilmen, einem Filmfestival und als Konzertveranstalter. „Ich habe auch selbst Konzerte gespielt und trenne mich sehr schwer von dieser Szene. Kann nicht. Will nicht.“ Wenn Oscar nicht kocht, dann besucht er Konzerte in der p.m.k., im Treibhaus und manchmal im Weekender. Ansonsten geht er gern ins Innsbrucker Leokino oder den Cinematograph, um Filme anzuschauen. Zuhause kocht er kaum, denn Kochen bedeutet für ihn Arbeit. „Ich besuche lieber andere Restaurants.“

Die Erleuchtung: Ein Bäuerinnen-Kochbuch

Oscar hinterfragt die traditionelle Küche – oder das, was gern als traditionell bezeichnet wird. Er kocht ohne Fleisch und meint, dass das eigentlich viel eher der Tiroler Küche entspräche als Wiener Schnitzel, Gulasch oder Frankfurter. Eine Freundin habe ihm mal ein Tiroler Bäuerinnen-Kochbuch geschenkt. Nur bei rund einem Viertel der Rezepte komme Fleisch vor, erzählt Oscar. Weil die Bauern sich früher einfach wenig Fleisch leisten konnten. Er wünsche sich mehr traditionelle Restaurants, die zum Beispiel Graukäsesuppe oder Hafersuppe kochen. Und das sagt ein gebürtiger Mexikaner. Einen seiner schönsten Momente hatte Oscar, als er Bratäpfel für seine Gäste zubereitete. Ein älterer Herr, eigens zum Abendessen aus dem Westen Tirols angereist, sah den Bratapfel am Menüplan und sagte: „Schön! Das letzte Mal habe ich einen Bratapfel zu Hause bei meiner Mutter gegessen.“

Oscar kocht Innsbruck Oel

Das Kindheitsglück: Schweinefleischtacos

Es ist kurz vor 17 Uhr, Oscar muss eine Weinlieferung abholen. Er schnappt sich einen kleinen Transportwagen und schiebt in quer über die Straße. Die Sonne blendet. Oscar erzählt von einer seiner schönsten Kindheitserinnerungen. Seine Eltern trennten sich, der Vater zog in die Megastadt Mexiko City. Eigentlich gar nicht schön. Aber ein, zwei Jahre später reiste Oscar gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester zum Vater nach Mexico City, „mit dem Flieger hin, mit dem Auto zurück – das war schön. 1.800 Kilometer. Und dort, in Mexiko City habe ich zum ersten Mal Tacos al Pastor gegessen. Das sind stark marinierte Schweinefleischtacos, die so gekocht werden wie Kebab. Sie werden mit frischen Ananas serviert. Das war für meine Schwester und für mich das Allerschönste.“

Oscar schiebt den Transportwagen über die Straßenbahnschienen und um eine Hausecke. Wenn er heute einem Kind einen Ratschlag fürs Leben geben könnte, welcher das wohl wäre, frage ich Oscar. Er antwortet: „Meinen Rat würde das Kind vielleicht nicht verstehen. Denn ich würde sagen: Bleib so wie Du bist. Versuche einfach, dass die Gesellschaft oder Deine Familie, Deine Freunde Dich so wenig wie möglich verändern, oder nimm nur das Wichtigste. Denn der kreative Erwachsene ist das Kind, das überlebt hat.“

Oscar stoppt vor einem winzigen Geschäft, das Spezialitäten aus Sardinien verkauft. Ein gelber Lieferwagen steht davor, die Lieferanten laden Kartons mit Weinflaschen aus. Die Winzer, bei denen er bestellt, kennt Oscar alle persönlich. Auch die Schnäpse bezieht er von zwei Familien, die er kennt. Er bedankt sich, wuchtet die Weinkartons auf seinen Transportwagen und zieht diesen über die Straße zurück zu seinem Lokal. Oscar ist angekommen.

Fotos: Carlos Blanchard Nerin

Fotos: Carlos Blanchard Nerin

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