Einer von 739 Tausend: Wie Enrique von Spanien nach Tirol kam

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Wie wird eine Stadt voller bergsportverrückter Menschen irgendwo in den Alpen zum Lebensmittelpunkt für einen Balletttänzer? Enrique Gasa Valga erzählt von seiner zwei Jahrzehnte langen Reise, die ihn von Barcelona über Kuba schließlich nach Tirol führte. Und darüber, warum Tirol für ihn mehr ist als nur Skifahren und Berge. Ein Porträt.

Michael

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim... Zum Autor

Rechts die mächtige Baugrube, in der das neue Musikhaus entsteht, links das Tiroler Landestheater. Dazwischen ein schmaler Eingang, in dem Enrique Gasa Valga mich bereits zum Gespräch erwartet. Der gebürtige Spanier leitet seit 2009 die Tanzcompany des Tiroler Landestheaters. Und das mit Erfolg. Heute erzählt er mir allerdings vor allem über seine persönlichen Erfahrungen als jemand, der nach Tirol ausgewandert ist. Enrique nimmt sich Zeit für ein offenes Gespräch im Kaffeehaus um die Ecke.

„Ich habe Ballett gehasst“

Mir gegenüber sitzt ein schlanker, sehniger Mann um die Vierzig. Er trägt sein dunkles Haar schulterlang. Enrique bestellt einen Kaffee, legt eine Schachtel Zigaretten auf den Tisch und erzählt seine Geschichte, die 1976 in Barcelona begann. Die Geschichte eines hyperaktiven Achtjährigen, den die Mutter zum Ballettunterricht schickte. Ein Psychologe riet ihr dazu, denn ihr Sohn Enrique hatte große Probleme in der Schule. Mehr als nur Probleme. „Ich wurde von jeder Schule rausgeschmissen“, erinnert sich Enrique. Fußball und Karate seien keine Option gewesen, denn das hätte ihn nur aggressiv gemacht, erklärt er. Also Ballett. „Ich habe es gehasst“, sagt er. Dennoch machte der achtjährige Enrique weiter, weil seine Mutter es wollte.

Die Wende mit dreizehn Jahren

Als er dreizehn wurde, kam die Wende: In Barcelona erlebte Enrique als Zuschauer die erste Ballettaufführung seines Lebens. Romeo und Julia. Seine Eltern konnten sich nur eine Karte leisten, also warteten sie vor der Tür. Am Ende der Vorstellung standen die Menschen rund um Enrique auf. Sie applaudierten den Tänzerinnen und Tänzern. Der kleine Enrique kam aus der Vorstellung und erklärte seinen Eltern voller Zuversicht: „Das ist ganz einfach, das kann ich auch.“ Ganz so einfach sei es dann doch nicht gewesen, sagt er heute. Aber das Tanzen gab ihm als Kind Selbstvertrauen. Dieses Gefühl, akzeptiert zu werden, hatte er bis dahin nicht gekannt: „Für mich war es das erste Mal, dass jemand sagte: ‚Du machst das gut!’“

An der Bar neben unserem Tisch herrscht spanisches Stimmengewirr, eine Touristengruppe. Enrique kommentiert lapidar: „Die Spanier sind die Lautesten.“ Und sie sind sehr schnell per Du. Eine Parallele zu Tirolern, die Enrique äußerst gern mag: „Meistens bin ich direkt per Du. Manchmal habe ich aber Sorge, dass ich vielleicht nicht höflich genug bin.“

Kulturschock in Kuba

Enrique erzählt weiter über das Balletttanzen, von dem er zuerst dachte, es sei nur eine Sache für Mädels. Bis er merkte, dass es auch Vorteile hat, der einzige Junge innerhalb einer Gruppe Mädchen zu sein: „Da bin ich erst später draufgekommen“, sagt Enrique und lächelt. Mit 16 Jahren übersiedelte er schließlich nach Saragossa und besuchte dort eine renommierte Tanzschule. Mit 18 flog Enrique nach Kuba – er hatte als einziger Spanier ein Stipendium für eineinhalb Jahre Tanzausbildung in Havanna erhalten. Ein Kulturschock für den Europäer. Manchmal fielen einfach das Licht und der Strom aus oder es gab kein Warmwasser, weil die kubanische Regierung sparen musste. Im Hotel Nacional in Havanna bestellte er sich damals einen Kaffee um einen Dollar und blieb zwei Stunden lang dort sitzen. Mehr Luxus war nicht drin.

Staatsballett Innsbruck, Choreograph Enrique Gasa Valga

„Für mich war es das erste Mal, dass jemand sagte: ‚Du machst das gut!’“

Erst zwei Jahrzehnte später kehrte er nach Kuba zurück, diesmal allerdings nur als Urlauber. Aus Nostalgie schaute er wieder im Hotel Nacional vorbei, zum dort einen Kaffee zu trinken. Und einen Mojito. Den konnte er sich im Unterschied zu seiner Jugendzeit in Kuba nun endlich leisten. „Das einzige, was sich verändert hat, bin ich“, sagt er. In Kuba dagegen schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Dadurch wurde ihm klar, „dass wir in Tirol eigentlich mehr haben als wir brauchen.“

„Ich warf meine Verträge als Gasttänzer weg“

Nach seiner Zeit in Kuba trat Enrique in Europa als Balletttänzer auf. In Schottland. In Deutschland. Und auch in Österreich. In Tirol hatte er Auftritte mit der Tanzcompany und nahm sich hier eine Wohnung: „Innsbruck ist perfekt, es liegt in der Mitte von Europa. Ich kann hier wohnen und trotzdem in zwei Stunden in München sein.“ Auch die Nähe zum Innsbrucker Flughafen sei für ihn wegen der vielen Gastauftritte als Balletttänzer in ganz Europa praktisch gewesen, erzählt Enrique.

2009 engagierte ihn das Tiroler Landestheater als Leiter der Tanzcompany: „Ich warf all meine Verträge als Gasttänzer weg und konzentrierte mich auf die Arbeit hier.“ Tirol wurde endgültig zum neuen Lebensmittelpunkt des gebürtigen Spaniers. Hier lebt er nun mit seiner Freundin, entdeckt Dinge wie das Skifahren neu. Schon als Kind hatte Enrique in Spanien Skifahren gelernt, musste allerdings wegen seiner Tanzkarriere darauf verzichten. Nun, als Leiter der Tanzcompany kann er wieder in den Schnee, so oft er möchte: „Ich liebe das Skifahren und die Lebensqualität hier.“

So denkt Enrique über Tirol

Mittlerweile fühlt sich Enrique in Tirol genauso zuhause wie in Spanien. Jeden Sommer verbringt er zumindest einen Monat bei seiner Familie in einem Dorf nahe Barcelona. „Die Katalanen sind stolze Leute“, sagt Enrique, „sie nehmen sich Zeit, bevor sie jemanden als Freund bezeichnen. Aber wenn du es geschafft hast, näher zu kommen, dann ist es fürs Leben. Das schätze ich auch an der Mentalität der Tiroler.“

Allerdings attestiert er Tirol einen ausgeprägten Provinz-Komplex in Sachen Kultur. Den hätte es zu Unrecht, wie er meint: „Ich glaube, dass Innsbruck eine Weltstadt in Sachen Kultur sein kann. Tirol ist mehr als nur Sport. Viele Söhne und Töchter sind von hier in die Welt gegangen und kommen jetzt zurück, weil die Lebensqualität hier so gut ist. Und diese Leute bringen was mit.“

Enrique gerät ins Schwärmen, vor allem wenn er von seiner Arbeit als Leiter der Tanzcompany spricht: „Tirol hat mich zu dem Choreograph gemacht, der ich jetzt bin.“ Zum Publikum der Tanzcompany pflegt er eine sehr enge und herzliche Beziehung. Oft sprechen Menschen Enrique oder seine Tänzer auf der Straße an und sagen ihnen ganz offen, was ihnen an einer Ballettvorstellung gefallen hat – und was weniger. Ein wichtiges Feeback für ihn und das Ensemble der Tanzcompany, sagt Enrique. Es helfe ihm bei der Arbeit: „Wenn du etwas kreierst, weißt du nicht, ist es gut oder schlecht. Du hast diese Frage – zumindest ich habe sie. Und wenn das Publikum gut reagiert, dann weißt du es ist eine gute Richtung, da machen wir weiter.“

Tiroler Landestheater Ballettkompanie Enrique Gasa Valga

„Tirol hat mich zu dem Choreograph gemacht, der ich jetzt bin.“

Dass Berge den Horizont beschränken, daran glaube er nicht, sagt Enrique: „Das ist lang her. Fast jede Person in Tirol, mit der ich rede, war schon mal in London. Ganz normale Leute gehen nach München ins Theater oder zu Konzerten. Tiroler sind nicht Leute, die nur hier bleiben.“

Enrique dagegen bleibt gern auch weiterhin in Tirol, solange er den Balletttanz hier weiterentwickeln kann. Tanz passt für ihn ausgezeichnet hierher: „Das Publikum ist ein Wunder, ich habenur ausverkaufte Vorstellungen.“ Und das bei fünf verschiedenen Ballett-Produktionen in nur einem Jahr. Bei der Auswahl neuer Tänzer für seine Tanzcompany sind Enrique vor allem Kunst und Talent wichtig, „nicht die Nationalität“, wie er betont. Seine Tänzerinnen und Tänzer stammen aus aller Welt: Australien, China, Japan, Kanada, Italien, Frankreich, Deutschland, Niederlande. „Ich glaube, ich hatte schon Tänzer von fast jedem Kontinent“, sagt Enrique, „nur Romeo ist Österreicher.“ So heißt der Hund von Martine Reyn, der Tanzcompany-Ballettmeisterin.Tiroler Landestheater Ballettkompanie Enrique Gasa Valga

„Jetzt möchte ich Wurzeln haben“

Viel Freizeit bleibt Enrique aber ohnehin nicht: „Ich habe das Glück, dass meine Arbeit meine Leidenschaft ist.“ Auch seinen vierzigsten Geburtstag feierte Enrique in Tirol: „Es war zwanzig Jahre lang eine Reise. Jetzt möchte ich Wurzeln haben. Und die hat mir Tirol gegeben.“ Am Ende des Gesprächs kehren wir nochmals zu Enriques Kindheit zurück, als ich ihn frage, welchen Ratschlag er einem Kind heute geben würde. Enrique trinkt seinen Kaffee aus, denkt kurz nach und sagt: „Dass es machen muss, was es liebt. Denn dann wird es nicht einen einzigen Tag im Leben arbeiten.“

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