Kräuterexpertin Elisabeth Maaß mit einer Baldrianwurzel, deren Extrakt als Beruhigungsmittel bekannt ist

„Mein Kräutergarten ist die Natur“

------

Beinwellsalbe, Quendelgeist, Birkenblättertee: Während die einen das alte Heilkräuterwissen wiederentdecken, pflegen es andere seit Generationen. So wie die Bäuerin Elisabeth Maaß aus Ried im Oberinntal, die für ihr Fachwissen weithin gefragt ist – und sich gern ein paar Tipps und Rezepte entlocken lässt.

Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des... Zum Autor

Wenn sich die Menschen bewusster mit den Pflanzen beschäftigten, die vor ihrer Haustür wachsen, ginge es vielen besser. Davon ist Elisabeth Maaß überzeugt. Die Kräuterpädagogin und Gastgeberin von Sagenscheinder’s Kräuterbauernhof in Ried im Oberinntal ist voll ansteckender Begeisterung, wenn sie von ihren „Kräutlein“ spricht. Sie schwört auf die Naturapotheke, ganz besonders auf Wildkräuter. Egal, um welches Leiden es geht, sie hat fast immer eine passende Pflanze zur Hand. Wegen ihres großen Wissens ist die 61-Jährige im Westen Tirols als Expertin sehr gefragt. Das wissen auch ihre Gäste, die auf dem Hof Urlaub machen und tagtäglich das Kräuterwissen mit all seinen praktischen Vorzügen erleben.

Sagenschneider's Kräuterbauernhof in Ried im Oberinntal.

Sagenschneider’s Kräuterbauernhof in Ried im Oberinntal

Elisabeth Maaß, die auch Seminare gibt und geführte Kräuterwanderungen anbietet, begrüßt ihre Gäste schon morgens mit einem Wildkräuter-Smoothie und verschiedenen selbstgemachten Tees. „Ich schaue mir die Menschen vorher an und stimme die Zusammensetzung auf sie ab“, sagt sie. Birkenblätter zum Beispiel seien gut für sensible Menschen. Zu Tee verarbeitet, würden sie zudem ausleitend wirken. Aber man könne die Blätter stattdessen auch dem Salat beimischen. Viele gestresste Leute bräuchten vor allem Thymian, sagt Maaß. „Das beruhigt und macht warm um’s Herz.“ Der wilde Thymian, Quendel genannt, wachse vor allem auf der sonnigen Südseite von Steinen. Die Wärme nehme die Pflanze auf und übertrage sich – davon ist sie überzeugt – auf den Menschen.

Löwenzahn, Gundermann, Gänseblümchen – Elisabeth Maaß findet alle ihre Kräuter rund ums Haus, am Wildbach oder in den umliegenden Wäldern des Oberinntals. Ein respektvolles Verhältnis zu den Pflanzen ist ihr sehr wichtig. „Man sollte sie immer mit Achtung behandeln. Pflanzen sind sehr sensibel und spüren, wie man mit ihnen umgeht“, sagt sie. Maaß verbringt jeden Tag viel Zeit mit ihren Kräutern, entweder beim Pflücken, Trocknen oder am Abend bei der Verarbeitung. In der Küche verwendet sie ständig Kräuter, bei fast jeder Mahlzeit. Das meiste stammt aus der freien Natur, nur ausgewählte Pflanzen wie etwa Echinacea, Liebstöckel, Majoran und Petersilie aus dem eigenen Garten. „Mein Kräutergarten ist eigentlich die Natur“, sagt sie. „Der eigene Garten kann da nicht mithalten.“

Hat sie ein Lieblingskraut? „Natürlich“, sagt sie. „Die Meisterwurz. Das ist eine ganz tolle Universalpflanze.“ Ginkgo der Alpen nenne man sie auch. Sie sei gut für’s Herz, wirke gegen Demenz, Kopfschmerzen und Schlappheit. Meisterwurz wächst auf etwa 1.300 Metern Höhe aufwärts. „Jetzt im Frühjahr kann man die Blätter gut essen und Tee oder Pesto daraus machen“, sagt Maaß. Im Herbst ernte sie die Wurzel und mache Schnaps daraus. Ein Drittel von der Pflanze, zwei Drittel Alkohol, drei bis vier Wochen ziehen lassen – fertig. Früher, sagt Maaß, habe man bei Maul- und Klauenseuche das Vieh mit Meisterwurz behandelt, statt es – wie heute – gleich zu keulen. „Unsere Tiere bekommen auch heute noch jeden Tag Meisterwurz-Pulver ins Futter gemischt“, sagt die Bäuerin.

Quendel in Öl: Der wilde Thymian wirke beruhigend und mache warm um's Herz, sagt Maaß.

Quendel in Öl: Der wilde Thymian wirke beruhigend und mache warm um’s Herz, sagt Maaß.

Ein regelrechtes Wunderwerk der Natur sei auch die Brennessel, die unzählige heilsame Stoffe in sich trage. „Wenn die Leute wüssten, was uns die Brennessel gibt, wäre alles abgeerntet“, sagt Elisabeth Maaß. Sie sei gut zum Beispiel gegen Müdigkeit und Abgeschlagenheit, reich an Eisen, Mineralstoffen sowie Vitamin A, C und E. „Sie kann ein bisschen aufputschend wirken. Aber das ist ganz ungefährlich“, sagt sie und lacht. Man könne die Blätter zu Tee verarbeiten. Aber ganz besonders empfiehlt die Kräuterexpertin:

Brennesselsalz

Man ernte die Samen der Brennessel im Juli oder August, wenn sie als Kügelchen leicht bräunlich unterhalb der Blätter hängen (Schutzhandschuhe nicht vergessen). Auf Papier trocknen lassen und dann mit gutem Natursalz vermischen, im Verhältnis ein Drittel Samen, zwei Drittel Salz. Die Mischung wieder zum Trocknen auslegen, mit Mörser oder Kochlöffel leicht andrücken. Fertig ist das Brennesselsalz – perfekt für Frühstücksei, Salat ud Co. Durch die Brennessel wird das Salz etwas milder.

Einen großen Teil ihres Fachwissens hat Elisabeth Maaß von ihrer Mutter übernommen, die sie schon sehr früh zu Kräuterexpeditionen mitnahm. Als sie älter wurde, erzählt sie, habe ihr Interesse zunächst nachgelassen. Erst durch eine schwere Krankheit ihres Mannes fand sie wieder zu ihren Wurzeln zurück. Vor 40 Jahren, kurz nach der Hochzeit, sei bei ihm Knochentuberkulose diagnostiziert worden. „Die Ärzte gaben ihm noch ein halbes Jahr zu leben“, erinnert sich Elisabeth Maaß. Sie hätten angefangen, ihre Ernährung auf einfache Vollwertkost umzustellen, orientiert an der Heilkräuterlehre Hildegard von Bingens. „Wir hatten ja nichts zu verlieren“, sagt sie. Und siehe da, ihr Mann sei genesen und noch heute wohlauf. „Das hat mich wieder mehr zur Natur zurückgebracht und mir viel Hoffnung gegeben.“

Keine Kommentare