Besucher aus aller Welt können die ergreifende Leidensgeschichte Jesu Christi in Thiersee hautnah miterleben. (Foto: Karg)

Kleines Dorf, große Leidenschaft: Passionsspiele in Thiersee

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Thiersee ist ein eher kleiner Ort, gerade einmal 2.832 Menschen leben hier. Aber wenn – wie im Sommer 2016 – Passionsspielzeit ist, ist fast jeder Zehnte im Ort bereit mitzumachen: Die Cousins Michael und Christian Juffinger spielen abwechselnd Jesus, Regina Kröll ist als Maria Magdalena, Josef Fuchs als Satan zu sehen. Es gibt viel Volk – Kinder und Erwachsene –, das sich auf der Bühne tummelt, Musiker, Bühnenbastler, Ton- und Lichttechniker …

Esther

Esther Pirchner beschäftigt sich beruflich  – aber vor... Zum Autor

Der Baumeister, …

Wenn ihr einen von diesen 250 Thierseern fragt, warum er bei den Passionsspielen dabei ist, wird er euch die Geschichte erzählen, als ob er sie selbst erlebt hätte: 1799 hat alles begonnen, weil die Thierseer den Krieg fürchteten. Also gelobten sie, jährlich in der Fastenzeit die Leidensgeschichte Jesu nachzuspielen, kauften sich in Bayern ein Stück und bezahlten mit Getreide, überarbeiteten den Text mehrfach, spielten im Freien, in einer „Komedihütte“ bei der Kirche, später in einem größeren Haus und seit 1926 in dem noch heute bestehenden Passionsspielhaus. Seit 1926 steht es am Seeufer des Thiersees – lange Zeit war es das größte Gebäude am Ufer. Gebaut hat es Alois Kaindl, der nicht nur Zimmermeister, sondern auch Jesusdarsteller war. Auf dem Dach ist ein Kreuz und unter dem Giebel ein geschnitzter Christuskopf mit Dornenkrone. An diesem idyllischen Ort blickt Jesus unverändert schmerzensreich auf den See.

… der Christusdarsteller, …

Im Winter bin ich hier vorbeispaziert, begleitet vom Knacken und Singen des Eises auf dem See. Es war leicht vorstellbar, dass die Thierseer, die mit diesem Platz und diesem Haus aufwachsen, auch in die Passion hineinwachsen – und dass sie sich, wenn wieder Passionsspielzeit ist, nicht lange bitten lassen. Wahrscheinlich waren im Haus trotz der frostigen Temperaturen auch schon Proben im Gange, schließlich erarbeiten sich die Thierseer „ihre“ Passion ein ganzes Jahr lang. Man braucht „viel Geduld, viele Proben, viel geistige Arbeit an einem selber, um die richtige Gefühlslage zu finden“, sagt Christian Juffinger, einer der Jesusdarsteller. Ein Jahr Probenzeiten, Verzicht auf den Urlaub und dreieinhalb Monate Spielzeit – an jedem Wochenende von Mitte Juni bis 2. Oktober 2016: Selbst mit der größten Begeisterung geht sich das für die Laiendarsteller schon lange nicht mehr jährlich, sondern nur mehr alle sechs Jahre aus.

Die Laiendarsteller proben für ihre "Passion" ein ganzes Jahr lang. (Foto: Karg)

Die Laiendarsteller proben für ihre „Passion“ ein ganzes Jahr lang. (Foto: Karg)

… und der Spielleiter

Was die Thierseer Passionsspielgemeinde zusammenhält, ist „ein eigener Geist, der durch die meisten Stuben weht“, meint der Regisseur Diethmar Straßer. Der ist kein Thierseer, sondern künstlerischer Leiter der Volksoper in Wien. Die Passion 2016 ist die dritte, die er inszeniert. Es geht um Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, um eine christliche Botschaft, um Jesus als Vorbild: nicht altmodisch, nicht anachronistisch, sondern als Antwort auf die Frage, wie man leben soll.

Alle Informationen: Passionsspiele Thiersee

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