Stüdlhütte, Adlerweg Etappe O9

Auf den Spuren der Adler Alpingeschichten: Hohe Tauern (Zentralalpen)

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Der Adlerweg in Osttirol bietet viele Besonderheiten, die für sich allein schon weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt sind: Nationalpark Hohe Tauern, Österreichs höchste Berge wie Großvenediger und Großglockner, viele einzigartige und urige Hütten … all diese Highlights erwarten den Adlerweg-Wanderer und machen diesen Teil des Adlerwegs, um nichts weniger attraktiv, als den Nordtiroler Abschnitt. Natürlich gibt‘s zu all diesen Highlights unzählige Geschichten, die erzählt werden wollen … hier die spannendsten im Überblick:

Michael

Der begeisterte Kletterer Michael Walzer ist in seiner Freizeit... Zum Autor

Die Alpen-Sherpas (Adlerweg Etappe O1: Ströden – Johannishütte)
Der Großvenediger mit seinem weißen Majestätsmantel ist der vergletscherte Hauptgipfel der Venedigergruppe. Erst im Jahr 1841, vierzig Jahre nach der Erstbesteigung des Großglockners, wurde er bezwungen. Hochtouren über spaltenreiches Gletschergelände wurden mit dem aufkommenden Alpinismus immer beliebter, deshalb entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erste Infrastruktur an Schutzhütten. Das gesamte Material wie Proviant, Zementsäcke, Brennholz uvm. wurde von Hüttenträgern, den „Alpen-Sherpas“, zu den exponierten Standorten transportiert. Auch wenn zur Unterstützung Lasttiere eingesetzt wurden, ist die Leistung dieser „Schlepperbanden“ gewaltig. Gleichzeitig waren die Träger auch die ersten Bergführer, denn nicht selten mussten sie, von Hüttenwirten beauftragt, Gäste führen oder waren an Rettungseinsätzen beteiligt. Den Lebensunterhalt konnte man mit den sehr geringen Löhnen, die vom Gewinn des Hüttenwirtes abhängig waren, allerdings nur schwer bestreiten und so waren in den damaligen harten Zeiten die Leute auf jedes Zubrot angewiesen. Später lösten mehr und mehr Hubschrauber, die in den 1970er Jahren für 4 Schilling pro Kilo flogen, die menschlichen Träger ab.

Foto: Baumann-Schicht, Bad Reichenhall

Foto: Baumann-Schicht, Bad Reichenhall

Bergmähder rund um die Sajathütte (Adlerweg Etappe O2: Johannishütte – Eisseehütte)
Die Knappenspitze ist ein Hinweis darauf, dass es im Gebiet rund um die Sajathütte ehemals Bergbau gab – es wurden Kupfererze abgebaut. Als Knappen bezeichnete man jene Männer, die eine Lehre als Bergmann abgeschlossen hatten. Die Sajathütte auf 2.600 Meter entstand allerdings viel später, mit ihrem Bau wurde im Jahr 1974 begonnen. Die Besitzer-Familie Kratzer hatte über mehrere Generationen das Gras auf diesen versteckten, völlig unerschlossenen Bergmähdern zur Heugewinnung gemäht. Sie wusste also um die Gefahren und kannte jene Stelle, die weitgehend vor Muren, Steinschlag und Lawinen geschützt war. Auf diesen Platz baute man die Hütte, die bald zu einem beliebten Anlaufziel für Wanderer wurde. Der Zustrom an Besuchern war so groß, dass die Hütte im Jahr 1977 und 1985 vergrößert werden musste. Viele Jahre wurden die vorbeikommenden Gäste von der Familie verwöhnt, bis dann doch die unberechenbare Natur zuschlug und am 21. April 2001 eine Lawine die Hütte zerstörte. Doch die Kratzers gaben nicht auf und errichteten mit Unterstützung von vielen helfenden Händen und Spenden ihr „Schloss in den Bergen“.

Die Bonn-Matreier-Hütte (Adlerweg Etappe O3: Eisseehüte – Bonn-Matreier-Hütte)
Der Standort der Bonn-Matreier-Hütte auf der Hochterrasse der Berge könnte nicht schöner sein: Sie liegt umgeben von einem Kranz von stolzen 3000ern am Rand des Nationalparks Hohe Tauern auf 2.750 Meter und ist ein wichtiger Stützpunkt für Wanderer auf dem Venediger Höhenweg. Außerdem repräsentiert sie die einzige deutsch-österreichische Hüttengemeinschaft. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation wurde sie in den frühen 1930er Jahren gemeinsam von der Sektion Matrei des Österreichischen Alpenvereins und der Sektion Bonn des Deutschen Alpenvereins finanziert. 1932 wurde mit ihrem Bau begonnen, im selben Jahr wurde sie fertiggestellt. Zur Versorgung gab es damals noch keine Materialseilbahn wie heute, Lebensmittel und sonstige Artikel des täglichen Bedarfes mussten vom Wirt selbst bzw. von Trägern und Lasttieren auf die Hütte getragen werden. In den 1980er Jahren wurde sie saniert und erweitert. Bezüglich Verpflegung liegt sie oft bei Bewertungen im Spitzenfeld der bewirtschafteten alpinen Hütten.

Die Probehütte der Badener Hütte (Adlerweg Etappe O4: Bonn-Matreier-Hütte – Badener Hütte)
Als die Sektion Baden bei Wien des OeAV beschloss, eine Schutzhütte zu errichten, erkundeten die Brüder Malcher das Gebiet zwischen Innsbruck, München und Meran auf der Suche nach einem geeigneten Hüttenstandort. Sie wurden im Frosnitztal fündig. Der Platz war ideal, aber bei den schwierigen Bedingungen auf einer Höhe von 2.608 Meter musste man zuvor sichergehen, dass die Baupläne funktionierten. Deshalb wurde im Jahr 1910 die Hütte probeweise komplett in Mödling bei Wien aufgebaut. In viele Einzelteile zerlegt verfrachtete man sie nach Matrei i.O., das Gewicht des Materials betrug 45.000 Kilo. Wegen des unwegsamen Geländes konnten davon nur 8.000 Kilo mit Lasttieren transportiert werden, also mussten wieder die Alpen-Sherpas heran. Der unermüdlichste aller Träger namens J. Gandler schleppte über sechs Wochen täglich 142 Kilo den anstrengenden Weg hinauf. Die Badener Hütte wurde 1911 fertig gestellt, danach wurden Zustiegswege gebaut und eine Trinkwasserleitung gelegt. 1959 wurde die Hütte vergrößert und ein Matratzenlager errichtet. Ein Zeitzeuge ist noch heute dort anzutreffen – in der gemütlichen Gaststube steht ein 100 Jahre alter Tisch, an dem schon die Brüder Malcher saßen.

Das Matreier Tauernhaus und die Säumertradition (Adlerweg Etappe O5: Badener Hütte – Matreier Tauernhaus)
Gastfreundlich heißt auf Lateinisch „hospitum“. Davon leitet sich das Wort Hospiz ab. Zu diesen wichtigen Einrichtungen, die schon vor Jahrhunderten Menschen im Hochgebirge Schutz und Herberge gewährleisteten, zählt auch das altehrwürdige Matreier Tauernhaus. Es wurde im 13. Jahrhundert von den Salzburger Erzbischöfen inmitten des mittlerweile als Nationalpark ausgewiesenen Gebietes gegründet und entstand ursprünglich aus einem Schwaighof. Seine Funktion war es, den Säumern (das waren die ersten Transporteure in den Alpen), über den Felbertauern Schutz und Herberge zu bieten. Bereits 1207 bot es auf diesen anstrengenden und gefährlichen Wegen durchs Gebirge eine Zuflucht vor den Unbilden der Natur. Es versteht sich, dass der Komfortstandard damals lange nicht so hoch war wie heute. Die Grundbestimmung des Tauernhauses aber ist immer noch dieselbe. Die Säumertradition ist bis heute spürbar und zeigt sich auch in der herzlichen Gastfreundschaft.

Foto: Tauernwirtsfamilie Brugger

Foto: Tauernwirtsfamilie Brugger

Osttirol und die Slawen (Adlerweg Etappe O6: Matrei i. O. – Sudetendeutsche Hütte)
Matrei i. O. liegt mitten in der Nationalparkregion Hohe Tauern. Über 150 Dreitausender, u.a. der Großvenediger mit 3.666 Meter als höchster Punkt des Gemeindegebietes und der Großglockner mit 3.798 Meter befinden sich direkt vor der Haustür. Neben der Venedigergruppe gehört auch die Hälfte der Granatspitzgruppe und ein kleiner Anteil an den Villgratner Bergen zu Matrei. Auf den Matreier Bergen und Almen findet man wie in ganz Osttirol etliche Namen aus dem Slawischen, denn im 6. Jahrhundert n. Chr. wurden die Slawen von den Reitervölkern der Awaren immer weiter nach Westen abgedrängt, die bayrischen Herrscher schickten ihre Gefolgsleute durchs Inntal und Pustertal, um die Grenzen zu sichern. 605 n. Chr. kam es im Lienzer Becken zu einer Schlacht, bei der die Bayern eine Schlappe einstecken mussten, allerdings expandierten die Slawen nun nicht mehr weiter. Die Namen slawischen Ursprungs sind geblieben und es kann nicht schaden, die genaue Bedeutung zu kennen. Potenzielle Goldgräber, die sich z. B. beim Schlatenkees Goldfunde erhoffen, weil sie glauben, dass sich der Name von „zlato“ (Gold) ableiten lässt, sollten die Belegkette des Namens besser studieren, dann wüssten sie, dass er von „slatina“ kommt. Das bezeichnet eine mineralhaltige Quelle, was auch nicht schlecht ist, aber eben keine Goldader.

Foto: Tourismusverband Osttirol

Foto: Tourismusverband Osttirol

Das Kalser Tauernhaus (Adlerweg Etappe O7: Sudetendeutsche Hütte – Kalser Tauernhaus)
Kalser Bergführer bauten von 1928 bis 1930 das Kalser Tauernhaus auf 1.755 Meter als eigenes Schutzhaus für den Verein. 1962 kaufte die Sektion Mönchengladbach des Deutschen Alpenvereins, damals 400 Mitglieder stark, das Haus, begann mit der Sanierung und führt es seitdem als Alpenvereinshütte. In den 1970er und 1980er Jahren drohte das Haus aufgrund eines Stauseeprojektes im wahrsten Sinn des Wortes unterzugehen. Das ganze Dorfertal wäre bei dessen Realisierung mit im See versunken. Erst 1989 wurde das Projekt zurückgezogen und das Dorfertal in den Nationalpark Hohe Tauern eingegliedert, der seit 1981 als solcher ausgewiesen ist. Als der Bestand der Hütte gesichert war, wurde das Kalser Tauernhaus modernisiert, u.a. mit vollbiologischer Abwasseraufbereitung und einem Wasserkraftwerk zur umweltfreundlichen Energiegewinnung, letzteres gemeinsam mit dem benachbarten Gemeinschaftsalmbetrieb. Die weit bessere Lösung, als alles im Wasser versinken zu lassen!

Foto: Tourismusverband Osttirol

Foto: Tourismusverband Osttirol

Die arme Pfarrersköchin (Adlerweg Etappe O8: Kalser Tauernhaus – Stüdlhütte)
Ein Stück hinter der Bergeralm zweigt der Weg über die „Stiegen“ hinauf zur Moaalm ab. Das ist ein alter Viehtriebsteig, der benützt wurde, bevor der jetzige Weg mit Tunnel durch die Dabaklamm und die Felsen gesprengt wurde. Auf diesem alten Weg wurden Rinder, Schafe, Pferde und Schweine getrieben. Eine überlieferte Geschichte erzählt von einer Pfarrersköchin, die über die Stiegen hinauf einen schweren Buckelkorb mit Butter und Käse schleppte. Als sie diesen am Ende des steilen Weges, fast oben angelangt, beim Rasten gegen das Holzgeländer lehnte, brach dieses und sie stürzte mitsamt ihrer Trage in die Tiefe der Dabaklamm. Seither wird eine Stelle „Pfaffentumpf“ genannt. Aber man muss sich keine Sorgen machen, die Wegerhalter sind heutzutage sehr sorgsam. Wo ein Geländer oder Seil angebracht ist, hält es auch.

Fotos: Tourismusverband Osttirol

Fotos: Tourismusverband Osttirol

Der Erschließer der Ostalpen (Adlerweg Etappe O9: Stüdlhütte – Lucknerhaus)
Johann Stüdl ist auf dieser Etappe der imaginäre Bergführer. Man übernachtet auf der nach ihm benannten Hütte und wandert ein Stück weit auf dem nach ihm benannten Weg. Johann Stüdl war ein bergbegeisterter Prager Kaufmann und ein exzellenter Bergsteiger. Er gehört zu den Begründern des Deutschen Alpenvereins und war auch maßgeblich an der Gründung des Kalser Bergführervereins, dem ersten der Ostalpen, im Jahr 1869, beteiligt. Durch die Verdienste Johann Stüdls für den „Neuen Kalser Weg“ und die Errichtung der Stüdlhütte, die 1868 als Ausgangsstation für Glocknerbesteigungen auf der Fanotscharte eröffnet wurde, entwickelte sich Kals als wichtige Alternative zum Aufstieg über Heiligenblut. Heute werden rund 80 Prozent aller Anstiege zum Glocknergipfel von Kals aus durchgeführt. In den späten 1990er Jahren wurde die Stüdlhütte neu errichtet und nach zweijähriger Bauzeit 1997 eröffnet.

DAV Sektion Oberland/Archiv

DAV Sektion Oberland/Archiv

Mit den Hohen Tauern neigt sich auch meine Blogserie zu den Adler Alpingeschichten dem Ende zu, doch am Adlerweg gibt es weit mehr Geschichten zu erzählen, außerdem schreibt jeder Wanderer seine eigene Geschichte …

Allgemeine Info zu den Hohen Tauern (Zentralalpen) Die größten Gletscher der Ostalpen, die höchsten Berge Österreichs, wilde Wasser und idyllisch gelegene Almen: die Hohen Tauern sind ein Paradies für Naturliebhaber, Wanderer und Gipfelstürmer. Viele Berge formieren sich zu berühmten Gruppen und sind über Osttiroler Gebiet zu erreichen: Venedigergruppe, Granatspitzgruppe, Schobergruppe, Lasörlinggruppe…
Mächtige Dreitausender geben sich hier ein ständiges Gipfeltreffen. Allein in Osttirol stehen ungefähr 250, der Großglockner überragt mit 3.798 Meter alle seine Kollegen. Seine Erstbesteigung erfolgte im Jahr 1800 durch vier Teilnehmer einer fürstbischöflichen Großexpedition.
Der Nationalpark Hohe Tauern ist das größte Schutzgebiet der Alpen und beeindruckt mit wilder Urlandschaft und einer von Bergbauern geprägten, traditionellen und dennoch sehr lebendigen Kultur, wovon auch die gepflegten Almlandschaften zeugen. Die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren im Nationalpark ist enorm, dazu gehören auch die „Big Five“ der Region: Steinadler, Steinbock, Gänsegeier, Bartgeier und Gämse

 

Alle Adlerweg-Etappen in den Hohen Tauern gibt’s hier: Adlerweg-Etappen in den Hohen Tauern

 

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